Wie Tagesspiegel-Leser die getrennte Stadt filmten : Bewegtes Leben, bewegendes Leiden

Wie lebte man im Schatten der Mauer?, fragte der Tagesspiegel, und rief die Leser auf, uns ihre alten Super 8-Filme zu überlassen. Fast 100 Leser meldeten sich. Jetzt ist der eindrucksvolle Film „Bis an die Grenze – der private Blick auf die Berliner Mauer“ fertig.

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Am Donnerstag ist Uraufführung in der Urania – drei Leser schildern, was sie damals erlebten und ablichteten:

Jürgen Marquardt. Mit den ersten Absperrungen der Vopos in Kleinmachnow wurde er mit seiner Kamera zum beständigen Chronisten der Teilung.
Jürgen Marquardt. Mit den ersten Absperrungen der Vopos in Kleinmachnow wurde er mit seiner Kamera zum beständigen Chronisten der...Foto: Thilo Rückeis

Jürgen Marquardt: Die Bilder wirken wie eine Zeitreise. Die Männer tragen Hut und Schlips, die Frauen stark toupierte Frisuren und eine Dame in Hosen sucht man vergeblich. Wenn man nicht wüsste, dass es sich bei diesen Aufnahmen um private Amateurfilme handelt, könnte es sich auch um Szenen aus 60er-Jahre-Fernsehserien wie „Mad Men“ oder „Wunderbare Jahre“ handeln.

Der Hobby-Kameramann heißt Jürgen Marquardt. Mit seiner Schmalfilmkamera war der gebürtige Berliner nach dem Mauerbau in der Stadt unterwegs und bannte so teils einzigartige Bilder auf Zelluloid. Sie geben dem Zuschauer einen sehr nahen Einblick in die Umwälzungen jener Zeit in Berlin. So filmte Marquardt die Bauarbeiten am Grenzstreifen bei Kleinmachnow Anfang 1962. Bautrupps der NVA befestigen hier gerade das Gelände mit Zäunen und Stacheldraht. Große Baumaschinen reißen mehrere historische Villen nahe dem Zehlendorfer Damm ab, um den Soldaten auf den bis dato noch provisorischen Holzwachtürmen freies Schussfeld zu verschaffen. „Kurz nach dem Mauerbau haben wir zunächst gedacht, das wäre eine vorübergehende Blockade wie bei der Luftbrücke, die vielleicht ein halbes Jahr andauert“, erinnert sich Marquardt. „Aber nachdem die ganzen Bauarbeiten anliefen und wir auch nicht mehr unsere Verwandten in Ost-Berlin besuchen durften, merkten wir, diesmal wird es härter.“ Und das wurde es, die Teilung veränderte das Stadtbild nachhaltig. Auch die alte Versöhnungskirche an der Bernauer Straße musste den Grenzanlagen weichen – 1985 wurde sie seitens der DDR nach großem Protest gesprengt. Auch hier war Jürgen Marquardt dabei und filmte die Zerstörung mit seiner Schmalfilmkamera. Die Aufnahmen hat er den beiden Dokumentarfilmern Gerald Grote und Claus Oppermann überlassen.

Die Amateurfilme vermitteln jedoch auch einen Eindruck vom Leben im West-Berlin der frühen Siebziger – abseits von Mauer und Grenze. In Kreuzberg fallen die ersten Vorläufer der Studentenbewegung ins Auge, denn im Straßenbild heben sich bereits viele Wollpulliträger mit langen Haaren von den übrigen Schlips- und Kragen-Spaziergängern ab. Und auf dem Avus-Ring brausen noch seifenkistenartige Rennwagen durch die umstrittene Steilkurve, die 1967 abgerissen wurde.

Nachdem die Mauer im November 89 gefallen war, gab wenig später auch Marquardts alte Super-8-Kamera ihren Geist auf. Was er in den Tagen nach dem 9. November gemacht hat, weiß Jürgen Marquardt jedoch noch genau. „Ich bin zum Verlagshaus des Tagesspiegels in der Potsdamer Straße gefahren. Die hatten Freiwillige gesucht, die die Sonderausgabe für die Ost-Berliner verteilen. Irgendwie war mir das ein Bedürfnis.“

Marianne Koch filmte von der westlichen Seite der Stadt.
Marianne Koch filmte von der westlichen Seite der Stadt.Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Marianne Koch: Sie sitzt anfangs etwas nervös auf dem Sofa ihrer Wohnung in Steglitz. Doch je mehr Marianne Koch erzählt, desto lebendiger werden ihre Erinnerungen an jene Zeit, in der sich die West-Berlinerin wie auf einer Insel in einem Staat fühlte, der gerade die Grenzen dicht gemacht hatte.

Am Tag des Mauerbaus hatte Marianne Koch die Kinder ihrer Schwester aus dem sächsischen Hoyerswerda zu Besuch, die gerade Schulferien hatten. Der 13. August 1961 war ein besonders sonniger Tag, erinnert sich die damals 29-Jährige. Daher hatte sie beschlossen mit ihrem 13 Jahre alten Neffen Hans-Michael und dessen Schwester zur Kongresshalle zu fahren, um dort ein Eis zu essen. Doch bereits weit vor der Siegessäule staute sich der Verkehr. „Ich wusste bis dahin überhaupt nicht, was los war“, erinnert sich Koch. „Die anderen sagten mir nur: Na wissen sie das nicht? Die DDR macht die Grenze dicht!“

Auf dem Grenzstreifen vor dem Brandenburger Tor lag bereits Stacheldraht, dahinter warteten Militärfahrzeuge. Die Polizei hatte Schwierigkeiten die aufgebrachten Menschen zurückzuhalten – hier gab es kein Durchkommen. Da Kochs Schwester noch im Urlaub in Sachsen war, blieben die Kinder zunächst noch bei ihrer Tante. Nach langer Absprache zwischen dem DDR-Außenministerium und der Ständigen Vertretung sollten die Kinder dann am 31. August am Grenzübergang Bornholmer Straße übergeben werden. Am Grenzübergang forderte ein Volkspolizist Koch auf, ihm die Kinder sofort auszuhändigen. Doch die wehrte sich: „Ich habe protestiert und gesagt, ich übergebe die Kinder nur ihren Eltern, ansonsten nehme ich sie gleich wieder mit.“ Nach langen Diskussionen durfte Koch dann mit nach Ost-Berlin zu ihrer Schwester. „Ich fand das alles aufregend und spannend, fast wie bei einem Agentenaustausch“, erinnert sich der heute 63-jährige Hans-Michael Waas. Doch es war ernst, von nun an war die Familie getrennt – erst drei Jahre später bei einem Urlaub in der Tschechoslowakei sahen sie sich wieder.

Aus Empörung über den Mauerbau begann Marianne Koch die Ereignisse auf Schmalfilm festzuhalten, die sie nun dem Tagesspiegel überließ. Mit ihrer Kamera machte sie Aufnahmen von Fenstern an der Bernauer Straße, die gerade zugemauert wurden und den noch provisorischen Grenzanlagen. Auch als Kennedy vor den Studenten der Freien Universität sprach, war Koch mit ihrer Kamera im Publikum.

Immer wieder bekam Koch Probleme an der Grenze zur DDR. „Einmal wollten wir zur Beerdigung einer Verwandten, aber der Grenzposten hielt uns aus allen möglichen Gründen stundenlang fest“, erzählt Koch. Später erfuhr sie, dass am gleichen Tag der DDR-Regimekritiker Robert Havemann beerdigt wurde, wofür auch Sympathisanten aus dem Westen erwartet wurden. „Die Grenzer dachten wahrscheinlich, wir wollten da hin“, sagt Koch. Die Beerdigung ihrer Verwandten habe sie so verpasst.

Peter Guba nahm die Mauer von Ost-Berlin aus auf.
Peter Guba nahm die Mauer von Ost-Berlin aus auf.Foto: Thilo Rückeis

Peter Guba: Allein der Projektor ist schon ein wertvolles Sammlerstück. Das Gerät der Marke „Weimar“ sieht aus wie ein alter amerikanischer Toaster, er wirft nur ein winziges Bild an die Wand und macht dazu einen Höllenlärm. Doch die Schmalfilme aus der Zeit der Teilung, die Peter Guba dem Tagesspiegel für den Dokumentarfilm überließ, sind mindestens genauso wertvoll wie das Gerät. Für die beiden Dokumentarfilmer Gerald Grote und Claus Oppermann sind die Bänder besonders kostbar. Gerade Aufnahmen aus Ost-Berlin seien selten, sagt Oppermann.

Der passionierte Hobbyfilmer leistete zwischen 1959 und Mai 1962 seinen Dienst bei der Volkspolizei und war an der Sektorengrenze zwischen Bernauer Straße und Brandenburger Tor stationiert. Auch im Dienst hatte er die Schmalfilmkamera oft dabei und bannte teils einzigartige Bilder auf Zelluloid.

So filmte er den damals noch provisorischen Grenzübergang Invalidenstraße, der später mit Beton und Stacheldraht ausgebaut wurde. Auf einer Aufnahme vor dem Mauerbau sind zwei Grenzpolizisten zu sehen, die noch erstaunlich gelassen Trabis nach West-Berlin durchwinken. Was heute überrascht: Seine Vorgesetzten hatten mit den Dreharbeiten im Dienst kein Problem. „Ich habe den Kompaniechef gefragt, ob ich die ganzen Veränderungen in Berlin filmen darf“, erzählt Guba. „Da war sogar der Politoffizier dabei. Beide haben nur kurz überlegt und dann gesagt. ,Ach, nehmen Sie die Kamera halt mit‘.“ Nur einige Kollegen hätten ihn gemahnt, er solle „die Filmerei doch lieber sein lassen“. Guba filmte trotzdem weiter, wenngleich auch er denkt, dass seine Vorgesetzten in späteren Jahren vermutlich weniger kulant gewesen wären. Sebastian Scholz

Der Bau der Berliner Mauer
Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Die DDR-Regierung wollte so die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland sichern und DDR-Bürger daran hindern, in den Westen zu fliehen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: dpa
08.08.2011 15:00Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Die DDR-Regierung wollte so die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland...

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