Wie weit ging die Armenien-Rede von Joachim Gauck? : Der Nebensatz vom Völkermord

Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner Rede das Wort "Völkermord" benutzt - doch nur in einem Nebensatz. Mancher hätte sich mehr Mut von ihm gewünscht.

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Joachim Gauck sprach im Berliner Dom auch von einer Mitverantwortung Deutschlands für den Genozid vor 100 Jahren.
Joachim Gauck sprach im Berliner Dom auch von einer Mitverantwortung Deutschlands für den Genozid vor 100 Jahren.Foto: dpa

An diesem 24. April vor einhundert Jahren haben türkische Fanatiker ein Massaker begonnen, das mehr als zwei Jahre andauerte und einige hunderttausend Armenier das Leben kostete. Die türkische Regierung weigert sich bis heute, die Schuld für dieses Verbrechen anzuerkennen und von einem Völkermord zu sprechen. Und auch in Deutschland weiß kaum jemand, dass die Deutschen seinerzeit sehr genau wussten, was im Süden Europas stattfand, von dem Genozid allerdings nichts hören wollten.

Am Vorabend des 100-jährigen Gedenkens an diesen grausamen Teil der Geschichte wird im Berliner Dom sehr viel von Wahrheit die Rede sein. Und davon, wer sich zu den Gräueltaten 1915 offen bekennen will. Die christlichen Kirchen in Deutschland haben am Donnerstagabend zu einem ökumenischen Gottesdienst eingeladen und beinahe 1000 Menschen sind gekommen. Gefühlvolle Klänge vom Leid und der Hoffnung durchziehen den Dom. Im Gotteshaus sitzen auch die Vorsitzenden der Koalitionsfraktionen, Thomas Oppermann (SPD) und Volker Kauder (CDU). Sie beide waren es, die bis an den Anfang dieser Woche im Auftrag ihrer Regierungsmitglieder versuchten, das Wort „Völkermord“ aus einem Koalitionsantrag fernzuhalten, der am Freitag im Bundestag diskutiert werden soll. Erst die massive Intervention einzelner Fraktionsmitglieder konnten Unions- und SPD-Führung zum Einlenken bringen. Nun steht in dem Antrag zwar drin, dass den Armeniern 1915 Furchtbares widerfahren ist, das man Völkermord nennt. Aber der Begriff ist eher ein wenig verschämt gewählt, in einem Nebensatz, wie Spitzfindige bemerkten.

Auch Joachim Gauck will sich in dieser Sache offenbar nicht weiter als der Bundestag von der deutschen Außenpolitik entfernen. Die Diplomaten nämlich, allen voran Außenminister Frank Walter Steinmeier (SPD), waren es, die mit Rücksicht auf die deutsch-türkischen Beziehungen das Wort Völkermord lieber nicht im Bundestag gehört hätten. Gauck wird im Anschluss an den Gottesdienst eine kurze Rede verlesen. Er wird von der „Notwendigkeit“ sprechen, sich mit der Wahrheit der Geschichte auseinanderzusetzen. Er wird die schrecklichen Mordtaten der Türken benennen und auch sagen, dass die Deutschen „Verantwortung tragen, weil sie sehr genau wussten, was geschah“. Das Wort Völkermord wird das Staatsoberhaupt auch nur im Nebensatz nennen – wortgleich mit der Passage, die die Koalition in ihrem Antrag nennt. Erika Steinbach (CDU), die Menschenrechtlerin der Union , wird das an diesem Abend bemerken. Sie sitzt auch im Berliner Dom und ihr Applaus nach den Worten Gaucks ist mager. Man spürt, sie hätte sich mehr Mut von ihm gewünscht.

Gauck mahnt, sich jetzt nicht in Wortklaubereien zu zerstreiten

Gauck ahnt das und er mahnt alle an der Debatte Beteiligten, sich jetzt nicht in Wortklaubereien zu zerstreiten. Er hofft vielmehr, dass sich Türken und Deutsche gemeinsam mit ihrer Schuld an den Opfern dieses Völkermords erinnern. „Niemand braucht Angst zu haben vor der Wahrheit“, sagt er und erinnert daran, dass die Täter längst tot sind und ihre Enkel auf keine Anklagebank gesetzt werden sollen. Für Gauck liegt der tiefe Sinn der Erinnerung an Völkermord und Verbrechen in einem Lernprozess. Nur wer die Geschichte aufarbeite, sagt er, könne „wachsam sein und rechtzeitig reagieren, wenn Vernichtung und Terror Menschen und Völker bedrohen“. Die Vertreter der armenischen und orthodoxen christlichen Kirchen haben Gauck sein Kommen gedankt. „Historisch“ sei es, sagten sie, dass ein deutsches Staatsoberhaupt an einem solchen Gottesdienst teilgenommen hat.

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