Berlin : Wie wird man hundert?

Mit Brustschwimmen? Ohne Männer? Und wie geht es einem mit 101 oder 105? Drei Berliner erzählen: vom Leben und der Angst vorm Tod, von krummen Beinen und Sex vor 70 Jahren

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Käthe Schwinger Neulich kam mein Schwiegersohn und zeigte mir die Annonce eines Optikers: für jedes Lebensjahr ein Prozent Rabatt auf neue Brillen. Da sind wir natürlich sofort hingefahren. Ich wurde behandelt wie ein vornehmer Gast. 480 Euro sollte alles zusammen kosten. Das schenkten sie mir dann. 100 Prozent Rabatt eben. Dabei brauche ich die Brille nur ganz selten, ich habe noch 80 Prozent meiner Sehstärke.

Ich habe so ein schönes Leben gehabt. Als ich klein war, hat mich jemand gefragt, was ich werden wolle, und ich habe geantwortet: Amme beim König. Ich wusste nicht genau, was eine Amme ist, ich dachte, die passt auf die Kinder auf; damals war man noch nicht so aufgeklärt.

Ich war dann 43 Jahre lang bei der Evangelischen Kirche. 1918 habe ich angefangen zu arbeiten, und ab 1945 habe ich ein Haus in Lichterfelde geleitet, das Heim, Hort und Kindergarten gleichzeitig war. 20 Jahre lang habe ich mit offener Tür geschlafen, damit die Kinder zu jeder Zeit zu mir konnten. Bei Gewitter hatte ich immer eine ganze Horde im Bett.

Geheiratet hätte ich schon gerne. Aber mein Verlobter starb 1928. Er war Mediziner. Und plötzlich war er tot. Hatte sich beim Sezieren einer Leiche in den Finger geschnitten. Blutvergiftung, sagte man. Danach habe ich niemanden mehr kennen gelernt. Wenn Sie in einem Haus mit 20 Kindern zusammen wohnen, da haben Sie nicht viel Gelegenheit. Und einen Freund, wie ihn heute die Mädchen haben, das machte man nicht. Die Liebe einfach so… neinnein. Aber ich bin auch so glücklich geworden. 1949 habe ich dann meine Tochter adoptiert. Weil ich vom Kinderfach war, bekam ich die Genehmigung auch als Alleinstehende.

Bis 2000 habe ich noch mit einer Freundin zusammengewohnt. Aber an dem Heim hier gibt es auch nichts zu meckern. Sie machen viel mit uns. Singen ist bei mir groß geschrieben. In den 90er Jahren hatte ich zwei Schlaganfälle, bei einem habe ich die Stimme verloren, aber ich knurre halt so mit. Klavierspielen geht leider auch nicht mehr. Ich kriege die Hände nicht mehr zusammen. Jede für sich geht, aber gemeinsam nicht: zum Verrücktwerden! Und dann ist das Zäpfchen im Hals gelähmt. Beim Essen verschlucke ich mich jetzt immer so leicht. Da hilft nichts, das muss dann ausgehustet werden. Ein furchtbarer Zustand, in so einem Speisesaal mit hundert Leuten, und alle gucken.

Wie man so alt wird, kann ich gar nicht sagen. Ich bin gewandert, habe Tennis gespielt und war oft in der Sauna.Und Brustschwimmen, das habe ich geliebt. Ich glaube aber, das Wichtigste ist, dass ich so viele Bekannte und Verwandte habe. Ich hatte sechs Geschwister. Deren Kindeskinder kümmern sich um mich und auch die Kinder aus dem Hort, die jetzt groß sind. Hier im Heim habe ich aber keine Freundschaften mehr geschlossen. Die Zeiten, wo man sich gegenseitig etwas geben kann, sind vorbei. Die Kraft reicht gerade so für sich selbst. Es ist ja auch ein Abschließen hier, sage ich immer. Und das weiß man. Die Beerdigung musste ich gleich bezahlen, als ich ins Heim kam. Ich habe die billigste ausgesucht. Wenn ich mich verbrennen lasse, was brauche ich da schon? Sie wollten mir ein Hemd aufschwatzen. Aber ich habe so viele Hemden, da kann eins ruhig mit verbrennen.

Vorgestern, da war mir nicht gut, da dachte ich vor dem Einschlafen: Heute Nacht wird es wohl geschehen. Zum ersten Mal. Ob das ein gutes oder schlechtes Gefühl war, kann ich nicht sagen. Ich war unruhig. Habe mich gefragt: Hast du alles erledigt, hast du den Kindern alles gesagt?

Kurt Reimann Hundertjährige Männer sind ja oft schon ziemlich marode. Aber von den Männern hier in der Wohneinheit, da bin ich eigentlich der Rüstigste. Dabei war ich der kleinste in meiner Familie, nur 1 Meter 60. Und als ich vier war, hatte ich auch ganz krumme Beine, englische Krankheit nannte man das.

Aber im Schwimmen war ich mein Leben lang gut. Bis zu meinem 92. Lebensjahr ging ich zwei Mal in der Woche. Als Kind wäre ich am liebsten alle Tage in die Badeanstalt gegangen. Ob meine Mutter darauf geachtet hat, dass ich mich bewege? Wissen Sie, die hat andere Sorgen gehabt. Mein Vater war Kellner und – das kann man schon sagen – ein Lebemann. Der hat manchmal mehr getrunken als die Gäste. Das ist ihm wohl nicht bekommen, mit 43 war er auf jeden Fall tot. Meine Mutter hat dann als Heimarbeiterin die Brötchen verdient. Damals haben Männer im Sommer immer Strohhüte getragen, soll ja heute auch noch manchmal vorkommen, und da war ein Hutband drum, das hat meine Mutter gemacht. Für zehn Mark in der Woche. Meine Mutter hat so viel genäht, die Finger waren immer ganz zerstochen.Die war froh, wenn ich aus dem Haus war.

…natürlich mochte ich meine Muskeln.

Dass man irgendwann nicht mehr so kann, habe ich eigentlich erst gemerkt, als meine erste Frau ihren Schlaganfall bekam, mit 51. Elf Jahre war sie gelähmt, dann ist sie gestorben. Mit 69 habe ich dann noch mal geheiratet. Ich wollte halt noch was genießen. Mit 70 bin ich dann einfach auf der Straße umgefallen, ein epileptischer Anfall. Das war ein Schuss vor den Bug, wie man so schön sagt. Aber die letzten 20 Jahre bin ich ziemlich unberührt geblieben. Ich dusche mich selbst, mache mein Bett. Langeweile gibt es bei mir nicht, intelligente Menschen langweilen sich nicht. Ich sehe fern oder hole mir eine Hörspielkassette. Und jeden morgen mache ich meinen Spaziergang im Park. Bis auf die Augen ist alles okay. Das kam im Schlaf, 1992. Tja, Herr Reimann, Hornhautdegeneration, hat der Augenarzt gesagt. Inzwischen kann ich nur noch Umrisse erkennen. Wenn ich jetzt meinen Zustand sehe, weiß ich natürlich, dass sich an einer Hand abzählen lässt, was mir bleibt. Vorm Sterben an und für sich habe ich keine Angst. Nur wie, ist die Frage.

So, wie meine zweite Frau letztes Jahr gestorben ist… Das will ich auf keinen Fall. Drei Tage hat sie gekämpft. Nichts mehr gegessen, nichts getrunken und immer gestöhnt. Die hat geschimpft, aber man hat sie nicht verstanden. Als sie dann ausgelitten hatte, war ihr Gesicht aber ganz entspannt. Der Tod war wohl doch eine Erlösung für sie. Das tröstet mich, obwohl ich sie vermisse. Ich habe in meinem Leben ja nur zwei Frauen kennen gelernt.

Ida Wuntke Meine Stieftochter ist vor kurzem verstorben. Sie war erst 61, aber sie hatte Krebs. Am 21. Juni unterhielt sie sich mit ihren Kindern, dann fiel sie zurück ins Kissen und war tot. Und am nächsten Tag hatte ich Geburtstag. Jemand hat mich geschminkt, dann sind wir mit einem Oldtimer herumgefahren, und sie haben mir einen Hut aus dem Museum aufgesetzt, der war genauso alt wie ich. Das war alles schön, aber ich habe die ganze Zeit an meine Stieftochter gedacht.

Ich habe wohl eine bessere Erbmasse mitbekommen. Mein Vater hatte einen gesunden Beruf, er war Schäfer. Trotzdem. Ich wünsche keinem, so alt zu werden. Die Langeweile ist am schlimmsten. Meine Zimmernachbarin und ich, wir machen nichts. Wir sitzen nur hier und warten aufs Essen. Dabei habe ich nie Hunger; und ich schmecke auch schon lange nichts mehr. Ich kann auch nichts mehr lesen, wegen dem Grauen Star, ich sehe nur verschwommen. Dabei gibt es Dinge, mit denen ich mich noch befassen möchte. Mit den Propheten, die vor Jesus gelebt haben, zum Beispiel. Haggai, Micha, Jona. Deshalb werde ich mir die Augen jetzt operieren lassen. Linse raus und eine künstliche rein. Als ich den Augenarzt fragte, ob das noch Sinn macht, sagte er: „Denken Sie an die Worte von Luther : ,Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt in tausend Stücke zerbräche, ich würde heute noch einen Baum pflanzen.’“ So denke ich jetzt auch, dass es wohhl lohnt. Selbst wenn es nur für kurze Zeit ist.

Aufgezeichnet von Anne Seith

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