Berlin : Wie zählt man Opfer?

Noch immer ist strittig, wie viele Menschen an der innerdeutschen Grenze starben

Marc Neller

Die Mauer, die Opfer, der Umgang mit der Erinnerung an das DDR-Unrechtsregime: seit Wochen ist dies eines der beherrschenden kulturpolitischen Themen in der Stadt. Nun gibt es neuen Stoff für Diskussionen: zwei neue Untersuchungen zu der bislang ungeklärten Frage, wie viele Menschen denn nun wirklich durch das Grenzregime ihr Leben verloren – mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Gestern stellte die Arbeitsgemeinschaft 13. August im Museum am Checkpoint Charlie das Ergebnis ihrer Recherchen vor. Demnach liegt die Zahl der Todesopfer bei 1135 an der innerdeutschen Grenze. „Allein im vergangenen Jahr sind wir auf 70 neue Fälle gestoßen“, sagte die Chefin der Arbeitsgemeinschaft, Alexandra Hildebrandt. Das 40 Seiten starke Heft, das sie gestern vorstellte, habe sie allein verfasst. Hildebrandt führt das Lebenswerk ihres verstorbenen Mannes, Rainer Hildebrandt, fort. Sie nimmt für sich in Anspruch, deutschlandweit die Einzige zu sein, die „alle Todesopfer berücksichtigt, die im Zusammenhang mit Flucht und dem Grenzregime ums Leben gekommen sind“.

Unter Experten ist ihre Analyse umstritten. Zum einen, weil sich die Museumschefin weigert, ihre Quellen zu nennen. Zum anderen, weil sie auch jene Toten in der Opfer-Statistik auflistet, von denen sie selbst sagt, die tatsächliche Todesursache sei noch nicht abschließend geklärt. Konkret: War jemand, der zwischen 1961 und 1989 in der Ostsee ertrank, automatisch ein Opfer des DDR-Grenzregimes?

„Nein“, sagt Gabriele Camphausen, Mitarbeiterin der Birthler-Behörde und Vorsitzende des Vereins Berliner Mauer. „Man muss sehr genau die Umstände prüfen.“ Ihr Fazit: Auch 16 Jahre nach dem Mauerfall gibt es keine gesicherten Angaben über die exakte Zahl der Todesopfer. Der Verein stellt heute mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam den ersten Teil einer gemeinsamen Studie vor. Vorläufiges Ergebnis: Über 200 Todes- und Verdachtsfälle allein in Berlin. Eine konkrete Angabe machten die Forscher gestern nicht. Nur so viel: „Rund 40 Prozent der Fälle bedürfen einer näheren Überprüfung“, wie Camphausen sagt. Zwei Jahren lang sollen Forscher tausende Seiten Akten auswerten: aus den Mauerprozessen, den Archiven der Berliner Staatsanwaltschaft, der Polizei, des Bundesarchivs, der Birthlerbehörde – und der Arbeitsgemeinschaft 13. August.

Zunächst wollen sich die Forscher auf Berlin konzentrieren und ihre Untersuchungen dann auf Opfer an der innerdeutschen Grenze ausweiten. Und schließlich sollen sie tun, worum sich Alexandra Hildebrandt schon seit einiger Zeit bemüht: Den Opfern ihre Biografien zurückgeben; die Motive, die sie zur Flucht veranlassten; die Umstände, unter denen sie ums Leben kamen. Und erklären, wie mit ihnen und ihren Angehörigen nach ihrem Tode umgegangen wurde.

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