• Wieder ein CDU-Wahlsieg mit dem blassen Diepgen - dieses Mal in der Rolle des "Mister 100 Prozent Berlin"

Berlin : Wieder ein CDU-Wahlsieg mit dem blassen Diepgen - dieses Mal in der Rolle des "Mister 100 Prozent Berlin"

Ulrich Zawatka-Gerlach

"Der strahlende, jungenhafte, blonde Junge", schrieb die Bild-Zeitung. Damals, im Dezember 1983, verriet der 42-jährige, neu gewählte Berliner CDU-Landesvorsitzende und designierte Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen, dass er nicht der Typ des Managers sei. Dafür sei er zu zurückhaltend. "Einer zum Schulterklopfen bin ich auch nicht." Dabei ist es geblieben: Schulterklopfen und energisch führen ist seine Sache nicht, obwohl er inzwischen der dienstälteste Ministerpräsident in Deutschland ist.

Schon im Juli 1995 war er länger Regierungschef in West-Berlin als Willy Brandt, und wenn Diepgen durchhält bis 2004, ist er doppelt so lang im Amt wie der Sozialdemokrat Klaus Schütz, der auch kein unbedeutender Regierender Bürgermeister war. Das zeichnet also den Sieger des Berliner Wahlabends aus: Er hat Stehvermögen. Obwohl er mehrfach politisch totgesagt wurde, hielt Diepgen durch. 1983, als es um die Nachfolge Richard von Weizsäckers ging und er die Mitbewerberin Hanna-Renate Laurien aus dem Rennen warf. 1989, als er die Abgeordnetenhauswahl gegen Walter Momper überraschend verlor, auf Tauchstation ging, aber schon 1990 wieder für die Union antrat. 1994, als der Gerüchtekrieg tobte, bizarre Klatschgeschichen erzählt wurden ("Diepgen im Whirlpool") und er einen Schwächeanfall erlitt. Der blasse Eberhard, mit dem die Berliner CDU bangend und zagend in den Wahlkampf ging. Diepgen gewann auch 1995, während die SPD mit ihrer Spitzenkandidatin Ingrid Stahmer in den tiefen Keller rutschte.

Nach dem fulminanten Wahlsieg von Rot-Grün im Bund wollten die Sozialdemokraten in Berlin mit Diepgen die Kohl-Nummer einstudieren: Der alte und verbrauchte, ideenlose Amtsträger. Die CDU reagierte prompt. Ein fast perfekter Image-Wahlkampf wurde entworfen und bis zum letzten Tag vor der Wahl durchgezogen. Der Kandidat: Dynamisch und im besten Alter, erfahren, vertrauenerweckend, 100 Prozent Berlin. "Diepgen rennt", wurde zum Markenzeichen, und auf den Wahlkampfveranstaltungen setzten höhnende Christdemokraten eine Verszeile hinzu: "Momper pennt."

Ein Konzept, das für den CDU-Spitzenmann zum Lebensexilier wurde. Nebenbei reizte er den Amtsbonus als Regierungschef gnadenlos aus. Sechs Veranstaltungen, Ausstellungen, Straßenstücke eröffnete Diepgen noch seit Freitag vor der Wahl. Selbst den tausendsten McDonald-Laden in Berlin ließ er nicht aus. Über Momper - kein Wort. Die Dreckarbeit überließ er anderen, die auch das mit hoher Perfektion und gegen den schwindenden Widerstand in der SPD erledigt haben. Nicht zu vergessen der Rückenwind aus der Bundespolitik - nicht nur CDU-Parteichef Wolfgang Schäuble zog das Publikum an bei den Wahlkampfauftritten für die Berliner Parteifreunde.

Alles lief wie geschmiert für Diepgen. Und so kam es, dass er zwei Tage vor der Wahl - wohl kalkuliert - ins Träumen geraten durfte: Einmal allein regieren zu wollen, "ohne Anhängsel". Das hieße aber auch, ohne Bündnispartner gegen die eigene Partei, die nur darauf wartet, alle ihre kreuz und queren Vorstellungen von Landespolitik als "CDU pur" in den Senat einschleusen zu können. Trotz solcher Bedenken wäre es für den gebürtigen Pankower, aufgewachsen in Wedding, die Krönung der politischen Karriere, allein regieren zu können. Das hat in Berlin noch kein CDU-Politiker vermocht, nicht einmal Richard von Weizsäcker.

"Deutlich stärkste Partei zu werden", war das realistische Wahlziel der Union. Es wurde locker erreicht. Ob weitere fünf Jahre mit oder ohne SPD: Am Ende der Ochsentour, die für den gelernten Rechtsanwalt 1967 als Bürgerdeputierter im Bezirk Tiergarten begann, steht ein unangefochtener Eberhard Diepgen. Und weil die eigene Partei Siegertypen liebt, wird sie ihn wohl auch - wenn im Jahr 2000 CDU-Vorstandswahlen anstehen - nicht absägen wollen. Wie es 1998 versucht wurde. Diepgen hat das Heft fest in der Hand. Am Ende der Wahlperiode wird er übrigens 63 Jahre alt. Auch das ist eine Chance: Unangefochten an der Spitze die eigene Nachfolge regeln zu können.

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