Berlin : Wieder ganz unten

Am Tag des Offenen Denkmals war der Tiefbunker unterm Alex erstmals geöffnet. Etliche Berliner begegneten einem düsteren Ort ihrer Kindheit

Dagmar Rosenfeld

Vor fast 60 Jahren ist er das letzte Mal hier unten gewesen. Da war Dieter S. sechs Jahre alt. Und seitdem weiß er, wie Angst riecht: nach Schweiß, Urin und Kot. „So hat es hier damals gerochen“, sagt er. Damals, das ist das Frühjahr 1945, als auf Berlin die Bomben der Alliierten fielen. Als tausende Menschen am Alexanderplatz zwölf Meter unter der Erde saßen, zusammengepfercht in einen riesigen Betonklotz, und warteten. Warteten, dass der Bombenhagel aufhört und mit ihm der ganze Krieg.

Jetzt ist Dieter S. zurückgekommen, als Besucher, der sich von Jürgen Müller durch die Bunkeranlage führen lässt. Müller, von Kollegen auch Bunker-Müller genannt, gehört zum Verein Berliner Unterwelten. Der hat den Alex-Bunker hergerichtet, so dass er heute erstmals für Besucher zugänglich ist.

Die Luft ist feucht und abgestanden, an den Wänden klebt der Staub. Über Rampen geht es hinab in die Tiefe. Ein Labyrinth aus rotem Backstein. Dunkle Räume reihen sich aneinander, lauter Quadrate aus Beton und Stein. „Drei Meter Beton sind da über ihnen“, sagt Müller und zeigt zur Decke. Rote Grablichter leuchten den Weg. Müller und seine Kollegen haben sie aufgestellt, zur Orientierung, damit sie den Ausgang wiederfinden.

Der Bunker unterm Alex ist nicht immer ein Bunker gewesen. Eigentlich ist er das Fundament für ein Gebäude, das der Architekt Peter Behrens in den 20er Jahren auf der Ostseite des Alexanderplatzes errichten wollte. Aber weiter als bis zum Fundament ist Behrens nicht gekommen, weil die Weltwirtschaftskrise schneller als die Bauarbeiten war. Die Baugrube wurde mit Kies zugeschüttet und jahrelang passierte überhaupt nichts. Dann plante Albert Speer die Reichshauptstadt Germania und wollte auf der Kiesgrube das Haus des Arbeitsamtes errichten. Diesmal war der Krieg schneller als die Bauarbeiten – und aus dem geplanten Prachtbau wurde ein Luftschutzbunker. 3000 Menschen sollten darin Platz haben, tatsächlich saßen in den Bombennächten dort oft doppelt so viele. „Manchmal sind wir gar nicht mehr reingekommen“, sagt Dieter S. Viele hätten hier richtig gewohnt, weil sie ausgebombt waren und nicht wussten wohin.

Den Bunker so leer zu sehen, ist für Dieter S. seltsam. Genauso seltsam, wie zu erfahren, dass zu DDR-Zeiten hier die Büros der Straßenbauverwaltung untergebracht waren. „Hier zu sitzen, weil draußen die Bomben fallen, das war schlimm“, sagt er. Aber hier jeden Tag arbeiten zu müssen, das sei fast noch schlimmer.

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