Wieder Jungfrau : Operationen im Namen der Ehre

Immer mehr Migrantinnen suchen Ärzte auf, die sie wieder zur "Jungfrau" machen sollen. Einige Ärzte verdienen nicht schlecht an der Verzweiflung ihrer Patientinnen.

Ferda Ataman

BerlinDie 19-jährige Gamze hat ein Problem, das sie gar nicht aussprechen mag: Sie hat "es" verloren. Seit sie mit ihrem ersten Freund vor ein paar Wochen "rumgemacht" hat, ist sie nicht mehr Jungfrau. "Ich war so blöd", sagt sie. In ihrer Verzweiflung hat Gamze ihrer Mutter davon erzählt, einer türkischen Witwe. "Mama will, dass ich den Typ heirate, aber der ist längst weg." Ihr Liebhaber melde sich seit dem Vorfall nicht mehr. Das Dilemma: Die alleinerziehende Mutter sieht den guten Ruf der Familie in Gefahr. Wenn die türkische Nachbarschaft von "der Schande" erfahre, sei sie ruiniert.

In solchen Situationen gibt es einen fragwürdigen Ausweg, der immer häufiger genutzt wird: den Gang zu einem Frauenarzt, der das Stück Haut zusammennäht. "Rekonstruktion des Hymen" heißt der 15-minütige operative Eingriff in der Fachsprache, dessen Preis zwischen 150 und 2000 Euro schwankt. "Für manche Ärzte ist der Eingriff eine Goldgrube", sagt die Ärztin Christiane Tennhardt bei einer Veranstaltung der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" zum "Mythos Jungfernhäutchen". In ihr Büro im Familienplanungszentrum "Balance" kommen immer mehr Frauen zwischen 18 und 24 Jahren, die meisten Muslima, und stellen Fragen zur Operation. Nicht alle hätten ihre Jungfräulichkeit freiwillig verloren, so Tennhardt, "sexueller Missbrauch in der Familie ist leider keine Ausnahme".

"Auch aus ethischer Sicht fraglich"

Die Expertinnen raten nur in Notfällen zu dem Eingriff, etwa dann, wenn das Leben der Betroffenen bedroht ist oder sie psychisch stark unter Druck gesetzt wird. "Schließlich gibt es keinerlei medizinische Standards und keine Statistiken über Komplikationen", sagt Christiane Tennhardt. Manche Ärzte nähen unter Vollnarkose, andere betäuben lokal. Auch aus ethischer Sicht sei die Operation fraglich: "Medizinisch gesehen ist der Eingriff völlig überflüssig, verlorene Jungfräulichkeit ist keine medizinische Diagnose."

Viele junge Frauen wünschen sich trotz der Kosten und Risiken eine solche Rekonstruktion, sagt Sibylle Schreiber von Terre des Femmes. Im gesellschaftlichen Umfeld vieler Muslime, aber auch Juden und Katholiken, werde erwartet, dass sie jungfräulich in die Ehe gehen. "Es dominiert immer noch der Mythos des blutigen Lakens in der Hochzeitsnacht, als Beweis der Unschuld."

Man stößt immer wieder auf Wissenslücken

Nursen Aktas sieht das größte Problem darin, dass junge Migranten nicht ausreichend aufgeklärt würden. Die Sexualberaterin bei "Pro Familia" wird immer wieder mit Wissenslücken konfrontiert: "Viele Türkinnen meinen, sie dürften keine Tampons benutzen", sagt Aktas. Was viele nicht wüssten: Die Vorstellung von einem Häutchen, dass beim ersten Geschlechtsverkehr zerstört wird, trifft nicht zu. Eher handle es sich um einen "Saum" am weiblichen Geschlecht, der bei manchen Mädchen gar nicht existiert, bei anderen manchmal immer intakt bleibt.

Gamze hat sich im Internet und bei Freundinnen informiert und entschieden: Sie lässt sich nicht operieren. Noch nicht. Vielleicht heiratet sie ja eines Tages einen Mann, der nicht auf den Fleck im Laken besteht. Falls aber doch, werde sie den Eingriff nachholen lassen. "Muss ja." Ferda Ataman

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