Berlin : Wiedererweckte Schönheit

Schloss Wolfshagen, Landadelssitz in der Prignitz, war bis zur Wende eine Schule. Nun prunkt es wieder

Claus-Dieter Steyer

Das Klirren der Scheiben hat die Riege um den alten Bürgermeister leider verpasst. Den Leuten entging die Hochstimmung im Gartensaal des Schlosses im kleinen Prignitzdorf Wolfshagen. Eine Sopranistin und ein Tenor hatten Arien und Duette aus italienischen Opern so kraftvoll gesungen, dass ihr Vibrato den kleinen Raum so in Schwingungen versetzte, dass die erst kurz zuvor restaurierten Fenster mit bebten. Die barocke Schönheit des Schlosses war lange verborgen geblieben. Vier Jahrzehnte lang waren hier die Kinder des Dorfes und der Umgebung zur Schule gegangen. Diese Nutzung wollte die alte Gemeindevertretung noch Mitte der neunziger Jahre bis in alle Ewigkeit beibehalten. Da störten Museumspläne natürlich.

Schulbänke statt antiker Möbel, Chemie und Biologie statt Geschichte einer alten Adelsfamilie und nicht zuletzt Vertrautes statt Ungewissheit über die Ziele der Heimkehrer aus dem Westen, das waren Argumente für das Verbleiben der Schule im Schloss. Die Skepsis war groß, als Professor Werner von Barsewisch 1994 die Wolfshagener vom Museumsplan überzeugen wollte. Der Nachfahre des Geschlechts, das die Prignitz jahrhundertelang beherrscht hatte – das der Gans Edlen Herren zu Putlitz – sprach von Traditionen, Heimat, Chancen im Tourismus und Aussichten auf neue Arbeitsplätze. Die meisten Menschen im Ort verhielten sich abwartend. „Wir konnten einfach nicht glauben, dass unser Schloss irgendwann für Menschen von außerhalb interessant werden würde“, sagt ein Bewohner der 1967 mitten im Park errichteten Plattenbauten. „Das Schloss war ja als solches nicht mehr zu erkennen.“

Dann kam alles anders: Die Schule zog aus, denn es gab zu wenig Kinder in Wolfshagen und Umgebung. Die Geburtenrate war nach der Wende auf das niedrigste Niveau gesunken. Junge Leute wanderten auf der Suche nach Arbeit in den Westen aus. Der „Augenprofessor“ Barsewisch erhielt sein Schloss, wenn auch nicht auf direktem Weg: Es blieb Eigentum der Gemeinde. Der heute 70-Jährige übernahm den Vorsitz des Museum-Fördervereins, organisierte staatliche Zuschüsse von sechs Millionen Euro und machte sein Versprechen vom lebendigen Haus wahr. Die Kaffeetafeln am Sonntag im historischen Speisesaal wurden überall bekannt. Die Schlosskonzerte finden ihr Publikum nicht nur in der unmittelbaren Umgebung. Nur die alten Gemeindechefs bleiben auf Distanz. Sie wissen nicht, was ihnen im Schloss entgeht.

Klirrende Scheiben gibt es nur selten. Sonst müsste sich der umtriebige Professor womöglich ständig um seine kostbare Porzellansammlung sorgen. 1000 Exponate von Gebrauchsgeschirr, das älteste stammt von 1730, dokumentieren den Übergang von dem chinesischen Porzellan nachempfundenen Stücken zu den Erzeugnissen der Massenproduktion. „Nirgendwo sonst gibt es eine größere Sammlung von mitteleuropäischer Blaumalerei“, sagt von Barsewisch. Im Mittelpunkt: das Meißener Zwiebelmuster.

Das Porzellan ergänzt die Ausstellung über das feudale Leben in einem Herrenhaus, das spätestens mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 abrupt endete. Möbel, Gemälde, Bücher, Kupferstiche, Zeichnungen und Schmuck stammen heute aus Leihgaben, aus Museen, von Auktionen, Ankäufen und Schenkungen. Mancher Gegenstand gelangte auch auf abenteuerlichen Wegen in den Besitz des Fördervereins. Einwohner gaben Dinge kurz vor oder nach der Museumseröffnung ab, die jahrelang in ihren Wohnzimmerschränken gelegen hatten. Nach der Vertreibung der Alteigentümer 1945 waren Schlösser gerne zur Plünderung freigegeben worden.

Manche Dinge aber gingen unwiederbringlich verloren. 1952 wurden prächtig bemalte Leinwandtapeten abgerissen. Die Kommunisten hielten das Kulturgut aus der Entstehungszeit des Schlosses, 1773 bis 1787, für „feudalen Schnickschnack“. Heute hängen im wieder prächtig gestalteten Gartensaal anstelle der Tapeten zeitgenössische Kupferstiche von Daniel Nikolaus Chodowiecki, Georg Friedrich Schmidt und Johan Frederik Clemens. Dekorationen auf dem Wandputz am Kaminspiegel in einer Prinzenstube widerstanden allen späteren „Verschönerungsversuchen“. Sie müssen nur zum Teil noch restauriert werden. Seltenheitswert hat auch die „Grüne Kaminstube“ mit dem allegorischen Wandbild „Winterlandschaft“.

Besucher können wieder ein spätbarockes Schloss erleben. Fast übertönt der neue alte Glanz die große Aufbauleistung für das Museum – und für die Kapelle, in der wertvolle Gegenstände der 1982 wegen Baufälligkeit abgerissenen Fachwerkkirche aufbewahrt werden: 400 Jahre alte Grabsteine der Familie zu Putlitz.

Die Geschicke im Schloss leiten heute zwei junge Männer aus der Region. Von Barsewisch hält sich eher im vier Kilometer entfernten Groß Pankow auf. Dort, im Herrenhaus, verlebte er einst seine Kindheit. Die Familie war nach der Enteignung in den Westen gegangen, der Augenchirurg Barsewisch leitete eine Münchner Klinik. Nach der Wende kaufte er den Groß Pankower Familiensitz zurück und eröffnete dort eine Augenklinik. Er sammelte weiter fürs Schloss. „Bitte alles für Wolfshagen“, lautete sein Wunsch auf allen Empfängen, Konzerten und Geburtstagen.

DAS DOMIZIL

Schmuckstück des Schlosses ist der Gartensaal - auch ohne die zerstörten Tapeten. Eine Galerie mit Gemälden des Landadels hängt in der Kaminstube.

Die größte P orzellansammlung mitteleuropäischer Blaumalerei zeigt das Obergeschoss.

In der Kapelle erinnern Originalstücke an die 1982 abgerissene Kirche im Schlosspark.

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