Berlin : Wiedergutmachung am Tuffstein

Hinter bunten Reklameplanen wird das Charlottenburger Tor restauriert Bis Ende 2006 sollen die Hüllen fallen und das Bauwerk neu erstrahlen

Helmut Caspar

Fast einhundert Jahre ist das Charlottenburger Tor an der Straße des 17. Juni alt, und das letzte Jahrhundert hat dem pompösen Bauwerk aus der Kaiserzeit heftig zugesetzt. Hinter den bunten Werbeplanen, die das Tor verhüllen, sind zurzeit Steinmetze damit beschäftigt, die zahlreichen Lücken und Löcher des Bauwerks zu verfüllen. Mit Hilfe von Spezialmörtel fügen sie große und kleine Versatzstücke, so genannte Vierungen, ein.

Bis Ende 2006 soll die Sanierung und Reparatur des empfindlichen Tuffsteins abgeschlossen sein, aus dem das Charlottenburger Tor gefügt ist, versichert Oberbauleiter Harry Nickel von der Firma Hochtief, die als Generalunternehmer für die Stiftung Denkmalschutz Berlin mit der Erneuerung beauftragt ist. Die Finanzierung des Projekts erfolgt durch die wechselnden Werbemotive, mit denen der Elektronikkonzern Samsung auf dem Tor für seine Produkte wirbt.

Harry Nickel rechnet mit 27 Kubikmetern Material, die bei den Reparaturen verarbeitet werden. „Von unten sind die Schäden kaum zu sehen, aber wenn man auf die Gerüste steigt, dann fallen überall die Einschusslöcher aus den letzten Kriegstagen auf, die mit unpassendem Material, etwa Beton, verfüllt wurden.“ Viele Vierungen seien nur mit einem Polyesterkleber ohne die notwendigen Verankerungen befestigt. „Jetzt werden sie durch Metallstifte fest verankert und können nicht mehr herunterfallen“, sagt Nickel.

An vielen Stellen hat zudem eindringendes Wasser, das mit winterlichem Frost zudem eine erhebliche Sprengwirkung hat, den Stein aufgeweicht und lässt ihn abblättern. Um zu verhindern, dass Feuchtigkeit weiter in den Bau eindringt, werden Gesimse, Vorsprünge und andere gefährdete Stellen mit Kupferblechen abgedeckt.

Die Stiftung Denkmalschutz Berlin, die bereits das Brandenburger Tor, das Alte Palais Unter den Linden, das Strandbad Wannsee und andere Kulturdenkmäler restaurieren ließ, hat sich der kaiserzeitlichen Kolonnade mit üppigem Skulpturenschmuck angenommen. Sie steht an der Stelle einer alten Holzklappbrücke über den Landwehrkanal, die Ende des 19. Jahrhunderts brüchig geworden war. Daraufhin beschloss die damals noch selbständige Stadt Charlottenburg, seinerzeit die reichste Kommune Deutschlands, einen Neubau nach Plänen des Architekten Bernhard Schaede. Mit der 1907/08 erbauten Brückendekoration, für die sich der Name Charlottenburger Tor eingebürgert hat, schuf er ein neobarockes Pendant zum klassizistischen Brandenburger Tor.

Autoabgase und Befall durch Mikroorganismen haben das Charlottenburger Tor mit der Zeit verdunkelt. Darum soll es durch ein Mikrotrockenstrahlverfahren gereinigt werden. Künstlerisch wertvolle Stellen, etwa Ornamente im Brüstungsbereich, werden eventuell einer Laserreinigung unterzogen. Ein Taubenschutz aus Netzen und spitzen Drähten sowie ein vier Meter hoher Graffitischutz rundet die Sanierung ab.

In gutem Zustand befinden sich dagegen die beiden überlebensgroßen Bronzefiguren König Friedrichs I. und seiner Frau Sophie Charlotte, die das Charlottenburger Tor schmücken, so dass die vom Bildhauer Heinrich Baucke geschaffenen Skulpturen nur gering überarbeitet, gereinigt und mit einem Taubenschutz versehen werden müssen.

Und auch ein Geheimnis verbirgt sich im Charlottenburger Tor, das Hartmut Engel, der Geschäftsführer der Stiftung Denkmalschutz Berlin, gerne der Öffentlichkeit zugänglich machen würde: der Keller unter dem Bauwerk. Er seit gut geeignet für eine Ausstellung über die Geschichte der Anlage, findet Engel. Möglich wäre auch, Touristen über eine inwendig eingebaute Wendeltreppe auf die oberste Plattform zu führen, die eine exzellente Aussicht über große Teile Berlins bietet.

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