Berlin : Wiedersehen im Wahllokal – wo sich die Wege der Wähler kreuzten

Cafés, Kleingärtnerheime oder Klassenräume wurden am Sonntag zu Regierungsräumen des Volkes. Wir haben uns umgesehen

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Ilona Pittasch und Rosemarie Scholz freuen sich immer besonders auf Wahlen. „Wir waren früher mal Arbeitskolleginnen. Und jetzt bewerben wir uns gemeinsam als Wahlhelferinnen für ein Wahllokal – so sieht man sich wieder“, sagen die beiden Frauen von Anfang fünfzig. Am gestrigen Sonntag zählten die beiden im Bistro von Peggy Wagenmann an der Kurfürstenstraße 106 in Tiergarten erschienene Wähler und gaben Unterlagen aus. Ob sonnendurchflutetes Café, altgediente Klassenräume oder Kleingärtnerheime: Die Berliner machten ihr Kreuzchen vor höchst unterschiedlicher Kulisse – eine Wahlbeobachtungstour.

Der Name trifft es genau: „Spartenheim Am Fuchsbau“ heißt das Wahllokal im Köpenicker Ortsteil Grünau, in dem sich sonst die Kleingärtner treffen. Eine gute Wohngegend mit alten Häusern, großzügigen Gärten und Leuten, die sich kennen: „Tach, Frau Meier, wie war der Urlaub?“, fragt eine Frau die andere vor dem Wahllokal. Draußen strahlt die Mittagssonne, drinnen berichtet der Wahlvorstand von regem Interesse: „Ich gehe davon aus, dass wir mindestens 80 Prozent Wahlbeteiligung haben werden – wie beim letzten Mal.“

Im sozialdemokratisch dominierten Treptow-Köpenick sind viele Wähler ins Grübeln gekommen, als die Linkspartei ihren Star Gregor Gysi gegen den tüchtigen, aber blassen Platzhirschen Siegfried Scheffler von der SPD gesetzt hat.

„Ist ja nicht schlecht, eine richtige Opposition im Bundestag zu haben“, sagt eine Frau um die 50. Ihr Mann widerspricht: „Den Burschen wähle ich nicht. Einfach wegen der Vergangenheit seiner Partei.“ Eine in feines Tuch gehüllte Rentnerin seufzt: Diesmal sei die Entscheidung besonders schwer – gerade weil Gysi einerseits so toll rede und andererseits als Berliner Wirtschaftssenator vor drei Jahren so schnell gekniffen habe. „Man weiß doch bei keinem, woran man ist.“ Gern redet niemand über die Wahl, seine Entscheidung behält jeder für sich.

Im Plattenbauquartier Allendeviertel hat die SPD den Leuten am Morgen noch Werbeschilder an die Briefkästen gehängt. „Eigentlich ist das Nötigung“, sagt eine Bewohnerin. Ein Nachbar, 62 Jahre alt, saß mal für die SPD in der Bezirksverordnetenversammlung. Gewählt hat er sie trotzdem nicht: weil er findet, dass nach der CDU unter Kohl nun auch die SPD ihre Unfähigkeit bewiesen habe. Deshalb habe er seine Kreuze bei Gysi und der Linkspartei gemacht. „Eine dritte Kraft ist gut, um Druck zu erzeugen.“ SPD-Mann Scheffler habe sich zwar mehr für den Bezirk engagiert, als Gysi es vermutlich tun werde, aber „was nützt einem das, wenn nichts vorwärts geht?“ Im hübschen Friedrichshagen am Müggelsee spaziert ein Paar, Mitte 30, zum Wahllokal. Beide haben mit der Erststimme Gysi und mit der Zweitstimme Grün gewählt. Fischer ist ihnen lieber als Lafontaine.

In Wedding sprechen viele offen über ihre Präferenzen. „Ich habe Schröder gewählt, und auch die meisten, die ich kenne, wollen ihn wieder als Kanzler“, sagt Koray Kas. Der türkischstämmige, eingedeutschte Berliner wählt „jedes Mal, seitdem ich 18 bin“. Draußen, auf dem Hof der Ernst-Reuter-Schule an der Stralsunder Straße, schart sich eine Gruppe junger Leute um den Landeswahlleiter Andreas Schmidt von Puskàs. Es sind Stipendiaten der Robert-Bosch-Stiftung aus den USA – die angehenden Führungskräfte sind neun Monate in Deutschland. Sie finden es besser, dass hierzulande an einem Sonntag gewählt wird statt wie in Amerika immer dienstags – das erhöhe die Wahlbeteiligung. Und wie schick sich gerade die älteren Leute für diesen besonderen Tag gemacht haben! Nadeem Sheik, Absolvent eines Wirtschaftsstudiums aus San Francisco, hat sogar selbst ein Kreuzchen gemacht. „Mein Vater stammt aus Pakistan, meine Mutter aus Ostpreußen.“ Der 29-jährige Kalifornier mit doppelter Staatsbürgerschaft hat seinen Briefwahlumschlag in Kalifornien in den Postkasten gesteckt.

Vor „Peggy’s Bistro“ in Tiergarten verschnauft eine Frau. Sie stammt aus Holland, hat lange in Bayern gelebt. „Aber die Union wähle ich deswegen noch lange nicht.“ obs/kög

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