Berlin : Wieso Schenken glücklich macht

Adelheid Müller-Lissner

„Welche Verführung zu schenken!“, lässt Bertolt Brecht seinen Shen Te ausrufen, seinen „guten Menschen von Sezuan“. Ja, dass es Freude macht, wenn mit einem Geschenk ein sehnlicher Wunsch erfüllt wird, weiß jeder von klein auf. Aber worin um alles in der Welt liegt der Lustgewinn, den das Geben dem Menschen verschaffen kann?

Das Urbild des Schenkens ist auch sprachlich die Gastfreundschaft: Wer seinem Gast etwas einschenkt, verschenkt einen Teil der Habe. Mit einem Geschenk wird also Wertschätzung ausgedrückt, vielleicht auch der Wunsch nach Nähe. „Schenken ist ein Brückenschlag über den Abgrund der Einsamkeit“, so schrieb Antoine de St. Exupéry einmal.

Wer zuerst schenkt, macht also einen aktiven Vorstoß zur Gestaltung von Beziehungen – der jedoch gerade da auch danebengehen kann. Denn nicht immer will man die Brücke betreten, die ein anderer Mensch mit seiner Gabe geschlagen hat. Der Beschenkte muss danken, meist wird auch erwartet, dass er die Gabe in absehbarer Zeit erwidert. „Ausgenommen von der Gegenseitigkeitsregel sind nur Zeitungsträger, Hausmeister oder Schornsteinfeger, denen man zum Jahresende für ihre Arbeit dankt“, sagt der Mainzer Kultursoziologe Gerhard Schmied. In früheren Jahrhunderten wurden Geschenke fast immer einseitig „von oben nach unten“ gemacht – von der Herrschaft an die Dienstboten. Auch heute ist ein Geschenk manchmal so groß, dass es den Beschenkten beschämt. Oder es definiert die Beziehung anders, als man das selbst gern hätte.

Die Kunst, ein Geschenk anzunehmen, sei überhaupt weit schwieriger als die des Schenkens, meint Schmied. „Der Schenker muss weniger an Gefühlen investieren als der Beschenkte.“ Das gilt zumindest in dem Augenblick, in dem das Präsent entgegengenommen wird, in diesem ganzen kunstvollen Ablauf vom Zeigen von Vorfreude über das gespannte Auspacken bis zum ganz persönlichen Dank.

Dafür hat der Schenker im Idealfall zuvor mehr als nur Geld investiert. Das perfekte persönliche Geschenk, das dabei herauskommen kann, beschreibt der Darmstädter Soziologe Helmuth Berking in seinem Buch „Schenken. Zur Anthropologie des Gebens“: Es ist „ein Teil von mir und natürlich von Herzen, aber eindeutig bezogen auf dich“. Macht das nicht Lust, auf der Stelle ein Päckchen zu packen? „Wenn ein Geschenk gelungen ist, dient die Freude nicht zuletzt der seelischen Gesundheit“, versichert Schmied. Das gilt für beide Beteiligte. Weihnachten ist ja ohnehin das Fest, zu dem wir dauernd zwischen der Rolle des Schenkers und der des Beschenkten hin und her springen dürfen.

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