Berlin : Wilde Nachbarn

Nicht nur Schwarzwild und Füchse, auch Waschbären und Marder fühlen sich zunehmend heimisch in der Stadt

Annette Kögel

Die nächtlichen Besucher kamen nicht zum ersten Mal auf den Trainingsplatz von Hertha BSC. Nach wiederholten Verwüstungen hatte der Fußball-Bundesligist den Gebhardt-Platz in der Nähe des Olympiastadions einzäunen lassen. Doch die Eindringlinge konnte auch der Zaun in der Nacht zu Dienstag nicht aufhalten. Die Wildschwein-Rotte untergrub die Grenzbefestigungen und verwandelte den Platz in eine Kraterlandschaft.

Längst sind es nicht mehr nur Wildschweine, die auf der Suche nach Futterquellen die Nähe des Großstadtmenschen zu schätzen gelernt haben. Die ungebetenen Gäste auf Dachböden, in Lauben und Garagen sind vielmehr immer häufiger Wildtiere wie Waschbären und Steinmarder. Nach Auskunft von Marc Franusch, Sprecher der Berliner Forsten, nimmt ihre Zahl vor allem durch die warmen Winter zu. Die Tiere finden in den städtischen Wäldern, aber auch in Höfen und Gärten ausreichend Nahrung und vermehren sich rasch. Zugleich steigt die Zahl der in der Großstadt verletzten Tiere – deshalb hat der Naturschutzbund unlängst ein neues Wildtiergehege in Marzahn eingerichtet. Mitunter werden die tierischen Neuberliner aber dem Menschen gefährlich.

Wie zuletzt in Schmargendorf, als eine Rotte Wildschweine Anwohner in ihren Vorgärten aufschreckte. Die Tiere wurden sicherheitshalber erlegt, denn vor allem, wenn sie Nachwuchs haben, sind Sauen und Eber äußerst angriffslustig. Wie viele Wildschweine es in der Stadt gibt, weiß niemand genau – aber Franusch zufolge müssen es Tausende sein. Die Tiere graben in Parks knackige Tulpen- und Krokuszwiebeln aus und durchpflügen den Boden nach Larven, Käfern und anderem Kleingetier. Auch der Fuchs ist ein Allesfresser und fühlt sich in Berlin zunehmend heimisch. „Man sieht die Tiere jetzt vielerorts an S-Bahn-Böschungen, auf dem Alex und selbst am Kanzleramt auf Erdhügeln ein Sonnenbad nehmen“, erzählt Franusch.

Waschbären suchen da mehr Deckung: in Baumhöhlen, auf Dachböden, in Kaminen und Schuppen. In den Nachkriegsjahren waren die einst aus Nordamerika importierten Tiere aus Pelztierfarmen bei Strausberg ausgebrochen. Die scheuen Bären und Füchse werden erst nachts richtig wach. Werden sie allzu zutraulich, sollte man das nächste bezirkliche Veterinäramt benachrichtigen: Tollwutgefahr. Solche Fälle gab es in Berlin aber seit Jahren nicht mehr.

Vor allem in der Innenstadt fühlen sich Steinmarder heimisch: Sie flitzen über Dachziegel, plündern Taubengelege, fressen Ratten. Ein Verwandter, der Marderhund – auch Enok genannt – kam einst „auf verschlungenen Pfaden“ aus Ostsibirien, der Mandschurei und Nordchina nach Berlin. Er soll auch schon auf der Pfaueninsel gewütet haben. Der Enok hat es auf Geflügel abgesehen, ist aber für den Menschen ungefährlich. Und Wölfe? Sie sind in hohem Maße scheu. „Es kann vorkommen, dass einer durch den Köpenicker Forst streift“, sagt Franusch, aber „heimisch werden die in der Stadt sicher nie“.

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