Berlin : Wildwasserfahrt auf Trommelwirbeln

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Von Elisabeth Binder

Wann hat man denn das zuletzt erlebt? Im Zug, knapp zwei Stunden von zu Hause entfernt, heißt es plötzlich Reisepässe vorzeigen. Für viele Premierengäste der Brandenburgischen Sommerkonzerte, die noch nie in Stettin waren, ein ungewohntes Erlebnis, das mitten ins gemütlich arrangierte Kaffeetrinken einbricht. Die Klassiker auf Landpartie haben neue Grenzen überschritten. Vielleicht sind deshalb die Reden vor Konzertbeginn in der Bazylika Katedralna Jakuba Apostola so besonders emphatisch. Wortreich bedankt sich Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe für das Vertrauen, das die Stettiner an den Tag legen, indem sie fast 1000 Konzertgäste aus Berlin und Brandenburg an diesem Tag so freundschaftlich in ihrer Stadt aufnehmen. Sein regionales Pendant, der Wojewode Marschall Falinski, wünscht, dass „Musik uns für immer verbinden" werde. Komischerweise sprach niemand vom „Europa der Regionen", obwohl gerade die Sommerkonzerte mit ihrem nun schon über zwölf Jahre höchst erfolgreichen Konzept, Menschen aus Ost und West über die Musik zusammenzubringen, prädestiniert sind, da neue Meilensteine zu setzen.

Freunde zu finden gehört wie Musik zu den emotionalen Urbedürfnissen der Menschen, und das funktioniert bei den Landpartien erstaunlich gut, unter anderem an den archaischen Kaffeetafeln. Diesmal stehen sie im Hof des Renaissance-Schlosses, und dass man in einem anderen Land ist, merkt man an der besonderen Herzlichkeit, mit der ein älterer Mann liebevoll verzierte Kuchenstückchen verteilt: „Was denn, nur Schokolade? Nehmen Sie doch noch Apfel und Käse und…“

Gerade rechtzeitig vor Beginn des Regens geht es in die Basilika, die im Krieg fast ganz zerstört und 1972 wieder aufgebaut wurde. Im Konzert werden bei der diesjährigen Premiere noch einmal Grenzen überschritten. Zum einen ist da das neue Konzept; erstmals klinkt sich das Deutsche Symphonie-Orchester nach amerikanischen und englischen Vorbildern fest in den Konzertsommer ein. Zum anderen gibt es mehr neue Musik, diesmal sogar eine Uraufführung. Sanft eingebettet zwischen Haydns Symphonie Nr.67 F-Dur und Tschaikowskys Pathétique kam das Cosmodromion des 1963 geborenen Christian Jost mit Evelyn Glennie, der vielfach ausgezeichneten Percussionistin, zur Aufführung. Das muss man sich vorstellen wie eine von Trommelwirbeln getragene Fahrt über wildes Wasser, aus dem immer wieder Klänge wie unterschiedlich hohe Felsen und Pflanzen und Pfähle herausragen, ein sehr gefühlsreiches Stück, welches das Individuum mit der Welt vereinen will und mit Beifall, der gar nicht abschwellen wollte, bedacht wurde.

So aufgeschlossen ging es auf die Rückreise; vielleicht hat Kent Nagano den Geist der Sommerkonzerte in seinem Grußwort am besten auf den Punkt gebracht mit dem Satz, dass Musik ästhetische, historische, intellektuelle, sinnliche, emotionale Erlebnisse und Erfahrung vermittle, vor allem aber einen Raum und ein Klima der Kommunikation schaffe. Noch geht Werner Martin, der Spiritus Rector der wieder einmal im Aufbruch begriffenen Sommerkonzerte mit seinem unnachahmlich charismatischen Gestus des Pfarrers aus einer untergegangenen Honoratiorenwelt grüßend und ordnend durch die Reihen, aber Regie führte erstmals seine 22-jährige Tochter Stefanie Martin, die das Festival weiter verjüngen und modernisieren will. Die Premierenfeier fand bei einer zünftigen Mitropa-Brotzeit und spanischem Rotwein im Zug nach Berlin statt, inzwischen wirkten die Passkontrollen seltsam altmodisch.

Der Rest der Saison findet an vertrauten und neuen Schauplätzen in Brandenburg und Berlin statt, aber bei der kreativen Unruhe sind weitere Grenzexkursionen in unerwartete Richtungen denkbar. Am Ende überschritten die Premierengäste noch eine Grenze und diesmal ganz ohne Kontrolle: Ihr Sonderzug war der letzte, der auf den alten, geschichtsträchtigen Gleisen von der Friedrichstraße zum Bahnhof Zoo fuhr.

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