Berlin : Wildwest in Spandau

Jesse James und seine Bande werden demnächst bei einer Show in Berlin gejagt Schließlich war es ein Spandauer, der die Gangster vor 129 Jahren verfolgen ließ

Rainer W. During

Chip DeMann zieht sich den breitkrempigen Hut noch etwas tiefer ins Gesicht. Sein Blick fällt auf eines der renommierten Geldinstitute in der Spandauer Altstadt. Seine deutsche Komplizin Ingrid Jahn nickt zustimmend. Die ins Auge gefasste Bankfiliale könnte für den geplanten Überfall geeignet sein. Doch bevor man zur Tat schreitet, wird die behördliche Genehmigung eingeholt. Im „Wilden Westen“ Berlins will eine US-Theatertruppe im kommenden Jahr das Ende der Bande des berüchtigten amerikanischen Gangsters Jesse James in einer authentischen Wild-West-Show inszenieren.

Der Botschaft hinter der authentischen Geschichte des „Northfield Raid“ ist heute so aktuell wie vor 129 Jahren: Engagierte Bürger können sich erfolgreich gegen Kriminalität und Terror zur Wehr setzen. Die Brücke von Northfield nach Spandau schlägt ein anderer berühmter Amerikaner. Der Überfall der James-Younger-Bande soll Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 100. Todestag von Carl Schurz werden. Der hat 1850 den wegen seiner Beteiligung am Pfälzer Aufstand zu lebenslanger Haft verurteilten Dichter Gottfried Kinkel aus dem Spandauer Zuchthaus befreit. Anschließend ging er in die Vereinigten Staaten und machte eine Politkarriere bis zum Innenminister.

Zuvor, als Senator von Missouri, muss sich Carl Schurz auch mit Jesse James beschäftigt haben, dessen Bande von hier aus 15 Jahre lang ihr Unwesen trieb. Jesse James, Sohn eines Baptisten-Predigers in Missouri, schloss sich während des amerikanischen Sezessionskrieges einer Guerillatruppe der Südstaaten an und gründete anschließend mit Bruder Frank und den drei Younger-Brüdern eine gefürchtete Bande, die Banken und Züge überfiel und viele Opfer ermordete.

Die Staatsgewalt sah ihrem Treiben jahrelang hilflos zu. Doch was die Behörden nicht schafften, gelang 1876 den couragierten Bewohner der Kleinstadt Northfield in Minnesota. Als die Gang die dortige First National Bank überfiel, nahmen sie das Gesetz selbst in die Hand. Die Mitglieder der Gang wurden entweder getötet oder verhaftet. Der Bankkassierer und ein weiterer Bürger bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Die Brüder James entkamen zwar, doch nachdem ein Kopfgeld von 10 000 Dollar auf Jesse James ausgesetzt worden war, wurde er 1882 von seinem ehemaligen Komplizen Robert Ford hinterrücks erschossen.

Seit 1948 wird der „Northfield Raid“ alljährlich vor Zehntausenden von Zuschauern am Originalschauplatz nachgestellt. Die Show gilt als eine der authentischsten Inszenierungen der Wildwest-Geschichte in den USA. Farmer Chip DeMann ist Chef der neuen, rund 30-köpfigen „James-Younger-Gang“. Vor einigen Jahren spielte er den Gangster auch in einem Fernsehfilm des als „Mr. Spock“ bekannten Schauspielers und Produzenten Leonard Nimoy. DeManns 80-jähriger Vater gehört zu den Gründern, Sohn Trip (18) ist jüngstes Mitglied der aus erstklassigen Reitern bestehenden Truppe. Im kommenden Frühjahr startet die „Bande“ zu ihrem ersten Auslandstrip nach Deutschland. Nur Pferde und Waffen bleiben zu Hause, werden hier geliehen.

Am 27. Mai 2006 will Jesse James mit seiner Gang in Spandau einfallen. Mit Ingrid Jahn, der Vorsitzenden der AG Altstadt ging Chip DeMann hier schon einmal auf Suche nach der Kulisse für den Showdown. An der siegreichen Bürgerwehr können sich auch lokale Würdenträger beteiligen. Bürgermeister Konrad Birkholz will die wehrhaften Verteidiger von Recht und Ordnung anführen. Schließlich soll der Shoot-Out nicht nur amerikanische Geschichte vermitteln, sondern auch eine Touristen-Attraktion werden. Für den zünftigen Rahmen will Richard Simmons bürgen, der das Deutsch-Amerikanische Volksfest organisiert. Er hat bereits mit der US-Botschaft Kontakt aufgenommen, wo das Projekt ebenfalls auf Interesse stößt.

Chip DeMann hofft, beim nächsten Deutschland-Besuch auch die eigene Vergangenheit aufrollen zu können. Seine Vorfahren sind 1855 aus dem Raum Hannover in die USA ausgewandert. Verwandte müsste es hier noch geben.

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