Berlin : Wilfried Karger präsentiert Plastiken und Bilder im alten Pferdestall

Michael Brunner

Der Galerist Wilfried Karger ist ein umsichtiger Mann mit langsamen, präzise kontrollierten Bewegungen. Er würde nie die falsche Taste am Telefon treffen oder im Treppenhaus eine Stufe verfehlen. Kurz: Er vermittelt Sicherheit wie ein Bankdirektor. Karger kann zuhören. Im Zweifelsfall denkt er sich seinen Teil, statt zu sprechen. Und wenn er spricht, sagt er nie alles, was er weiß. Dabei ist der Gründer der Galerie am Wasserturm kein umtriebiges Cleverle, sondern ein Pragmatiker mit Kunstsinn.

"Die Galerie habe ich mir zum 50. Geburtstag geschenkt", sagt Wilfried Karger, zündet sich eine neue Davidoff an und pustet ein paar Rauchkringel in die Luft seines Büros. Aus dem Fenster geht der Blick auf ein altes Fabrikgebäude, dessen Fassade von wildem Wein bewachsen ist. Es ist eine ehemalige Panzerschrankfabrik. Wilfried Karger hat die Fabrik 1994 gleich mit dem ehemaligen Pferdestall gemietet und die Etagen zu Ateliers für Künstler ausbauen lassen. Das ergab sich bei einem Spaziergang durch den Kiez wie von selbst: Karger lief durch die Rykestraße und fand direkt gegenüber der Synagoge die leeren Räume. Zuletzt waren dort Simson-Mopeds aus DDR-Produktion repariert worden. Jetzt stand alles leer. Kurz darauf kamen die Handwerker und verwandelten das Haus für sechs Monate in eine Baustelle. Da sich niemand für das Erdgeschoss interessierte, richtete Karger die "Galerie am Wasserturm" ein. Freunde bezweifelten, dass eine Galerie im Hinterhof Erfolg haben könne. "Entweder Fasanenstraße oder Hinterhof in Prenzlauer Berg", antwortete der angehende Galerist.

Wilfried Karger ist in Schlesien "am Fuß des Riesengebirges" geboren. Als er noch ein kleiner Junge war, zogen die Eltern um nach Oldenburg (Niedersachsen), später nach Wismar (Mecklenburg-Vorpommern). Dort ging Wilfried Karger zur Schule und machte das Abitur. "Ich bin katholisch erzogen worden, war als Schüler nicht in der Freien Deutschen Jugend und nahm auch nicht an der Jugendweihe teil", sagt Karger. Benachteiligt worden sei er aber nie. Von 1965 bis 1969 studierte er Kunsterziehung an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. An der Hochschule zog der Pragmatiker nachträglich doch noch das Blauhemd des kommunistischen Jugendverbands an. "Ich wollte gern bei der Universitätszeitung mitarbeiten und dazu musste ich Mitglied der Freien Deutschen Jugend werden", sagt Karger und lächelt verschmitzt. Der Absolvent wurde an eine Schule nach Köthen (Sachsen-Anhalt) geschickt und blieb dort bis 1973. Vom Schuldienst rückte er in die Verwaltung für Bildende Kunst beim Rat des Bezirks Halle auf, 1976 promovierte er an der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin und arbeitete danach im Verband Bildender Künstler. Mauerfall und Wende erlebte Karger in Berlin. Er erkannte bald, dass die DDR nicht zu halten war. Während Hundertausende DDR-Bürger die Kaufhäuser im Westen stürmten, studierte Karger lieber Rechtsvorschriften. Er kaufte sich eine Ausgabe des Vereinsrechts und gründete Künstlervereine für Grafiker, Designer, Kunsthandwerker, Szenografen und Fotografen. 1994 begann sein zweites Leben als Galerist. Die Fassade ist noch hinter Bauplanen verborgen, doch Wilfried Karger hat schon wieder Pläne. Im Jahr 2000 will er seine Galerie um ein Restaurant für Kunstkenner ergänzen.

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