Berlin : Wilfried M. Bonsack (Geb. 1951)

Ein Fossil, ein Überbleibsel aus den Schriftzeiten der Menschheit

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Ausschneiden! Diese Einladung gilt Ihnen ganz persönlich. Freunde dürfen mitgebracht werden. Platz ist genug! Aber lassen Sie sich besser noch ein bisschen Zeit für die Dichtergespräche im Elysium. Husch, husch wird hier gar nichts verhandelt. Nein, nicht mehr in der Auguststraße 19, nicht mehr in der Tucholskystraße 28, sondern, wie gesagt, im Elysium selbst. Vorsitzender des ganz und gar demokratischen Geschehens und vorläufig alleiniger Beitragender: Wilfried M. Bonsack, gelernter Theologe, Philosoph, Literaturwissenschaftler, Dichter, Kleinverleger, Weltweiser, Pfeifenraucher, Kanapeebesitzer. Das letzte Interview auf Erden führte Lena Panzer-Selz mit ihm. Da war er schon ein wenig lebensmüde. Das Gesicht war blass. Die runde Brille bündelte nicht mehr so recht, was die Realität ihn zwang wahrzunehmen: dass er ein Fossil war, ein Überbleibsel aus den Schriftzeiten der Menschheit, das verlegen und maulwurfsblind ins digital erleuchtete Zeitalter blinzelte.

„1974 fing es an. Ich habe bis jetzt ungefähr 500 jour fixes gemacht.“ – „Ließ sich das in der DDR so umsetzen mit den monatlichen Treffen?“ – „Ich hatte jeden Monat Geburtstag. Die Stasi war hinter mir her, das ist kein Geheimnis. Ich habe meine Akten eingesehen, da stand: ,Das ist ja bloß ein Schwätzer.’ Die Leute haben immer geschwätzt, im positiven Sinne des Wortes. Das war mir viel lieber. Wenn die gewusst hätten, was wir da alles besprochen haben, dann wären die aber richtig ausgeflippt.“ Er blättert weiter im Ordner, darin alles verzeichnet ist. „ ,Das Florenz der Medici’ war auch unheimlich toll. Das ist auch so ein Stadtstaat gewesen wie Ost-Berlin, ich vergleiche das immer. Von allen eingekesselt, aber sie haben überlebt, und nicht schlecht. Oder ,Kafka und das jüdische Volksheim’. Was hat eigentlich Kafka damit zu tun? Wusste ich bis dahin nicht, aber ich habe eine Frau aufgetrieben, die darüber recherchiert hat …“

Aus der selbst gegebenen Satzung des „jour fixe tucho zwo 8“: „Ziel ist eine offene, von Toleranz getragene Gesprächsatmosphäre, die der Anregung der Beschäftigung mit literarischen, kulturellen, philosophischen, kulturpolitischen, politischen Themen und Problematiken dient. Die Referenten erhalten für ihren Beitrag kein Honorar, sie sind völlig frei bezüglich Inhalt und Gestaltung ihres Vortrages, sollen sich jedoch besonders bei sensiblen Themen, wie religiösen, weltanschaulichen oder politischen jedweder Missionierung der anderen Teilnehmer enthalten (sonst werden sie selbst zur Rede gestellt).“

„Sie verschickten die Einladungen dann per E-mail oder per Post?“ – „Per Post. Ich habe keine E-Mail.“ Er blättert weiter im Ordner mit den Einladungen. „Hier ging es um Dante, hochinteressant, nun ist der Referent Professor Emeritus. Ich habe mich immer heimlich in seine Vorlesungen eingeschlichen, weil ich an der Humboldt-Universität nicht zugelassen war.“ – „Was hätten Sie dort gerne studiert?“ – „Philosophie, aber da ich kein Marxist und kein Leninist war, durfte ich nicht.“ Schaut wieder in den Ordner. „,Das kastrierte Buch’, das habe ich gemacht, da ging es um das Thema der Zensur. Rudolf Steiner hatten wir auch schon. Ich habe mich für Steiner interessiert, aber gedacht: Das ist ein Spinner. Ist er auch, und nach dem Vortrag war es mir klar. Aber der Herr Professor war da anderer Meinung. ,Spurensuche Mecklenburg’, da ging es um Uwe Johnson. Henryk Bereska war einer der hervorragendsten Übersetzer aus dem Polnischen, nun ist er auch schon tot.“ Blättert weiter. „ ,Der Plural taugt nichts für den Menschen.’ Ich habe mich mal eine ganze Zeit mit den spanischen Philosophen auseinandergesetzt, u. a. mit Ortega y Gasset, das macht nicht jeder in Deutschland. Ich habe gedacht: Dazu wirst du mal was von dir geben! Ich glaube, das Manuskript habe ich noch.“

Es gab eine Menge Manuskripte, Gedichte und Bücher, Selbstgedrucktes im Eigenverlag, Geschenke von Autoren und Freunden, Bilder und Zeichnungen an der Wand, handgemalt von Freunden, unverkäuflich, unschätzbar im Wert, nicht verhandelbar zum Verkauf. Zehntausend Bücher werden es wohl gewesen sein, die er um sich versammelt hatte wie Freunde. Die Hausbibel „Zettel’s Traum“ von Arno Schmidt, das unauslesbare Buch, in dem er immer wieder las. „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil, dem Gentleman unter den Autoren, dem er äußerlich so fremd war wie ein Möbelpacker dem Herrn Fabrikanten. Pfeifenraucher, Bart- und Westenträger, Schwarzkittel.

Gegenfrage an die Interviewerin: „Haben Sie den Ulysses gelesen? Wahrscheinlich nicht.“ Weltliteratur. Darunter tat er es nicht. Wer da nicht mithalten wollte, sollte erst mal still sein und zuhören. Aber das wollten nicht mehr so viele wie früher, zuhören. Es gab die 300 Gedichte im Hausflur von 300 verehrten Autoren, persönlich von ihm aufgehängt, es gab die Hoffnung auf den neuen Gedichtband, es gab eine Zeit, in der Bücher etwas galten. Die Zeit ist vorbei.

Aber nicht hier im Elysium. Da werden nach wie vor alle Teilnehmer an einem Gesprächsabend gebeten, für ihre Getränke selbst zu sorgen, bevorzugt Rotwein, desgleichen wird eine Spende für Porto zum rechtzeitigen Verschicken der Einladungen erbeten. Ach nein, Letzteres erübrigt sich ja in Zukunft. Ansonsten bleibt alles beim Alten, Freunde. Gregor Eisenhauer

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