Berlin : Wilfried Weber, geb. 1940

Torsten Hampel

Sie haben jetzt wieder einen, der die Begrüßungsansprachen hält, er muss aber noch üben, denn er redet Unsinn. Es ist die Weihnachtsfeier und der Mann sagt, dass ein sehr ereignisreiches Jahr hinter den Anwesenden liege, was daran zu merken sei, dass sie im Februar das fünfjährige Bestehen ihrer Gruppe gefeiert hätten. Und dann haben sie ja noch an "mehreren Aktionen und Demonstrationen teilgenommen", sagt er. Es ist das Weihnachtsfest der Arbeitslosen-Stadtteilgruppe Kreuzberg / Schöneberg. Wilfried Weber hat sie gegründet.

Ganz am Anfang hat der neue Redner auch noch "Liebe Freunde, liebe Freundinnen, liebe Verarmte und was es sonst noch so gibt" gesagt. Er hat sich dabei an Wilfried Webers Standardeinstieg orientiert, doch wenn es bei Weber rau geklungen hat und augenzwinkernd oder wenigstens wahr, dann sind das heute eindeutig die falschen Worte. Zum Beispiel deshalb, weil einer der Anwesenden schon so deprimiert zur Feier kam, dass er kaum noch sprechen konnte. Später am Abend wird er zusammenbrechen. "Und was es sonst noch so gibt." Die restlichen zwei Dutzend Feiergäste hier scheinen ein dickeres Fell zu haben, sie klatschen nach der Rede. Sie sind höflich.

Wie sehr Wilfried Weber, ihr Gruppenchef, ihnen fehlt, das haben sie heute schon einmal gemerkt, schon vor dem Fest. Als ihnen einfiel, dass sie die befreundete Arbeitslosen-Gruppe aus Hellersdorf und Marzahn vergessen haben einzuladen. Weber, obwohl er am Ende für Ostler wenig übrig hatte, wäre das nicht passiert.

Wilfried Weber hatte etwas gegen diejenigen Ostler, die denken, sie seien jetzt wieder wer, sagt einer der Gäste. Gegen die, die zu schnell Auto fahren, auch. Und die, die auf Luxus aus sind, so sagt das der Mann, die konnte er auch nicht leiden. Aber eigentlich habe er gar keinen aus dem Osten gekannt, er sei zumindest kaum dorthin gefahren. Was jetzt aber davon zu halten sei, das wisse er nicht, sagt der Mann.

Dabei war Wilfried Weber einmal sogar in einer Partei des Ostens, gewissermaßen. In der SEW, der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, dem SED-Ableger. Das ist aber so lange her, dass seine Freunde aus der Arbeitslosen-Gruppe über die Zeit nicht viel mehr wissen, als dass Weber auf den Pressefesten der SEW-Zeitung in der Hasenheide öfter Postkarten verkauft hat. Vielleicht noch, dass er aus der Partei wieder ausgetreten ist, so um 1980, weil die Russen in Afghanistan einmarschiert sind. Das hat Wilfried Weber nicht verstanden, er hat nicht verstanden warum die, die ihn einmal ein Jahr lang auf ihrer Moskauer Lomonossow-Universität haben studieren lassen, damit er etwas erfährt über Menschenführung und Parteiarbeit und den kapitalistischen Imperialismus, warum die Russen nun selber einen Krieg angefangen haben. Vielleicht war es aber auch anders, vielleicht hat er in Moskau ja Fotografie studiert. Das war einmal Webers Beruf; bis Mitte der achtziger Jahre, dann ging er pleite.

Wilfried Weber hat seinen Freunden aus der Arbeitslosengruppe alle Arbeit abgenommen. Er hat ihnen die ABMs besorgt, dem Peter, dem Olaf, dem dicken Jürgen. Zum einen deshalb, weil er einen Bekannten bei einer Senatsverwaltung hatte, und der war zuständig für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Zum anderen, weil Weber, und nicht Peter, Olaf, Jürgen, alle paar Tage frühmorgens ins Arbeitsamt gegangen ist und gefragt hat. So sagen sie es selbst.

Sie wissen wenig von ihm, und sind doch die, die ihn am besten kannten. Webers Nachlass wird von den Behörden verwaltet, die suchen nach Erben. Es gibt ein riesiges Fotoarchiv - wohin damit? Immerhin die Bilder, die er von der Arbeitslosen-Gruppe gemacht hat, gehen an die Gewerkschaft. Webers Armenbegräbnis auf dem Friedrichsfelder Friedhof der Sozialisten war eine "ordnungspolizeiliche Maßnahme".

Den Weihnachtsfeiergästen fällt noch ein, dass er ein Rockfan war, Canned Heat, Steppenwolf und so. Aber wenn er hier bei uns ein Lied aufgelegt hat, sagen sie, dann war es die Internationale.

Einmal ist Wilfried Weber nicht ins Rathaus Schöneberg gekommen, dorthin, wo sie ihre Gruppentreffen abhalten. Wenn Winne nicht kommt, dann muss er schon tot sein, haben sie noch aus Quatsch gesagt.

Es hat noch etwas gefehlt bei der Weihnachtsfeier. Die rote Fahne, die rote ÖTV-Fahne mit dem verballhornten Bundesadler drauf ist noch nicht da gewesen, als es losgehen sollte. Nicht ohne unsere Fahne, sagte einer, ein anderer hat sie dann irgendwo aufgetrieben, und die beiden haben sie über das Büfett gehängt. Über die Thermoskannen mit dem Kaffee drin. Später ist sie dann runtergefallen.

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