Berlin : Wilhelm Recker

Geb. 1935.

Felix Lampe

Der Biber wird bald das „Territorium der selbstständigen Einheit Westberlins“ erreichen. Das stand in einem Brief, den der West-Berliner Biologe Manfred Krauß 1987 erhielt. Sein Absender hieß Willi Recker, Naturschützer und Biberexperte aus Ost-Berlin. Er hatte über längere Zeit beobachtet, wie sich der fast schon ausgerottete Biber langsam von Osten her neuen Lebensraum eroberte. Der Grenzübertritt war nur noch eine Frage der Zeit, und Willi Recker suchte nach Gleichgesinnten auf der anderen Seite, um die neuen Populationen zu fördern. Fünf Jahre nach dem Fall der Mauer tauchten dann die ersten Biber im West-Berliner Stadtgebiet auf.

Bis dahin hatte Willi Recker schon im Barnim und der Schorfheide über 20 Jahre Arbeit für die Biber geleistet. Gegen die Austrocknung der Landschaft hatte er Gräben ausgehoben, tausende Stecklinge hatte er gepflanzt. Oft unternahm er Märsche von 30 Kilometern entlang an Kanälen und Seen auf den Spuren der geliebten Tiere.

Das alles tat Willi Recker ehrenamtlich. Ein Studium war ihm in der DDR nicht möglich gewesen, und so hatte er sich für eine Ausbildung zum Tierpfleger entschieden. Lange arbeitete er im Berliner Tierpark und später im Pionierpark in der Wuhlheide. Es gefiel ihm, das Wissen, das er sich allein angeeignet hatte, an Kinder und Jugendliche weiterzugeben.

Die Leidenschaft für die Natur ließ allerdings für Menschen in Willi Reckers Leben nicht viel Platz. Er hatte wenig Freunde, nur drei Jahre lebte er mit seiner Frau zusammen. In seiner Wohnung in Schöneweide quakten Laubfrösche im Terrarium, ein Steinmarder grüßte aus der Küche, der Balkon war Aufzuchtstation für Bäume. Der Waldläufer lebte ohnehin nur in der Stadt, weil er die Wohnung mit einem kleinen Lottogewinn billig hatte kaufen können. „Schweineöde“ sagte er zu Schöneweide, Willi Recker mochte solche Wortspiele.

Er konnte auch freundlichen Spott über seine Leidenschaft gut vertragen. Doch reinreden ließ er sich nicht. Zuweilen nahm er Freunde und Naturinteressierte zwar mit auf seine Gänge zu den Bibern, aber er behielt das Sagen. Er konnte unfreundlich werden, wenn sich jemand unbedacht bewegte und zu viel Krach machte.

Unermüdlich vermaß Willi Recker den Lebensraum des Bibers in Berlin und Brandenburg. Auf den Schachteln von Zigarillos, die er in großen Mengen rauchte, notierte er seine Beobachtungen in winziger Schrift, die nur er entziffern konnte. Zu Hause wurde das Ganze fein säuberlich kartografiert und später an die Naturschutzbehörden weitergeleitet. 70 000 Baumfällungen von Bibern registrierte er im Laufe seines Lebens, und er veröffentlichte mehrere Artikel in Fachzeitschriften. Dafür erhielt er im Jahr 2005 den Berliner Naturschutzpreis.

Willi Recker war aber nicht nur emsiger Wissenschaftler, er verstand sich auch als Vermittler zwischen Mensch und Tier. Denn die Staudämme des Bibers lassen mancherorts das Wasser über die Ufer treten. Willi Recker warb um Verständnis. Wenn es ein Problem mit den Bibern gab, wurde er gerufen. Und hatte nicht selten originelle Lösungen parat. Als sich eine Biberfamilie in ein Bootshaus eingenistet hatte, riet er, ein Radio aufzustellen und den scheußlichsten Sender aufzudrehen. Nach zwei Tagen waren die Tiere verschwunden.

Willi Reckers Motto lautete: Wenn es dem Biber gut geht, geht es dem Ökosystem gut. Als Biberflüsterer wollte er hingegen nie gelten. Er sah den Biber nicht als Streicheltier, dafür war er zu sehr Ökologe. Nur manchmal brachte er ihnen einen Apfel mit.

Krankheiten zwangen Willi Recker in die Frührente. Er, der mit eiserner Disziplin um vier in der Früh aufzustehen pflegte, klagte über Konditionsschwierigkeiten – kein Wunder bei den vielen Zigarillos. Nachdem er mal vor Schwäche in einen Graben gefallen war, schränkte er seinen Radius ein und besuchte schließlich nur noch die Biber in Berlin. Aber auch diese „Begehungen des Außenbezirks“, wie er seine Märsche nannte, unternahm er noch stockbewehrt mit großer Leidenschaft.

Im Frühjahr bekam Willi Recker eine Lungenentzündung und fiel ins Koma. In seiner Patientenverfügung stand, dass er lebensverlängernde Maßnahmen ablehnte. Sein Lebenssinn hatte sich draußen, im Dienst an der Natur erfüllt. Felix Lampe

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