Berlin : Wilhelms Traum

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Von dieser Bundestags-Sitzung wollte Wilhelm von Boddien keine Sekunde verpassen. Denn gestern stand sein persönlicher Traum zur Debatte, die Rekonstruktion der historischen Barockfassade des Berliner Stadtschlosses. Seit nunmehr elf Jahren kämpft der Hamburger Baumaschinen-Unternehmer als Vorsitzender des Fördervereins Berliner Stadtschloss für den Wiederaufbau des Schlüter-Bauwerks.

Schon kurz vor Beginn der Debatte über die beiden Entschließungsanträge zur künftigen Gestaltung des Schlossplatzes hat Wilhelm von Boddien auf der Besuchertribüne Platz genommen. Damit ihm nichts entgeht, hat er sich beim Hausherrn, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, eine Sondergenehmigung besorgt, die es ihm erlaubt, über die sonst übliche zeitliche Befristung hinaus auf der Tribüne bleiben zu dürfen.

Obwohl bereits vor der ntlichen Abstimmung die Chancen gut stehen, dass die Mehrheit der Abgeordneten für „die Wiedererrichtung der barocken Fassaden der Nord-, West- und Südseite sowie des Schlüterhofes des ehemaligen Stadtschlosses“ stimmt, versucht Boddien seinen Optimismus zu dämpfen. „Ich wage noch nicht, an die sichere Mehrheit zu glauben“, sagt er.

Doch dem leidenschaftlichen Schloss-Befürworter fällt es nicht leicht, seinen Tatendrang zurückzuhalten. Sein „Dank an den Deutschen Bundestag“ liegt bereits in ganzseitigen Anzeigen zum Druck bereit, verbunden mit dem Spendenaufruf für die Wiedererrichtung der barocken Hohenzollern-Herrlichkeit. Für die Rekonstruktion der historischen Fassade rechnet von Boddien mit Mehrkosten von rund 75 Millionen Euro, die allein aus privaten Händen kommen sollen. „Nachdem der Bundestag sich für die Barockfassade entschieden hat, wollen wir keinen Tag länger warten.“ Schließlich stehe auch sein eigener Ruf auf dem Spiel. „Ich habe immer behauptet, das Schloss ist privat finanzierbar, und ich will nicht, dass mir der Vorwurf gemacht wird, als Tiger gestartet zu sein und als Bettvorleger zu enden.“

Wilhelm von Boddien weiß, dass „die Konjunkturkrise im Augenblick ein ungünstiges Umfeld“ für eine groß angelegte Spendensammlung bietet. Doch er verlässt sich auf das Wort großer Unternehmen, die ihm versichert hätten, „wenn es soweit ist“, könne er „mit einem großen Scheck“ rechnen. Und er setzt auf die Politik. Die müsse den Wiederaufbau des Schlosses „zu einer nationalen Aufgabe machen“, sagt er und denkt etwa an eine Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. „Wenn der Bund das Schloss nicht zu seiner Sache macht, dann habe ich ein Problem.“ Stephan Wiehler

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