Wilhelmstraße : Täglich neue Nachbarn

Vermieter entdecken das Geschäft mit Touristen. Doch die Anwohner wollen nicht, dass sich ihre Nachbarschaft in eine Feriensiedlung verwandelt. Vom Senat fühlen sie sich alleingelassen. Ein Extremfall ist die Wilhelmstraße in Mitte.

Rita Nikolow
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Touristenmeile. In der Wilhelmstraße gibt es immer mehr Ferienwohnungen. Foto: Wolff

Manchmal wacht sie nachts auf, weil ein fremder Schlüssel am Schloss ihrer Wohnungstür kratzt. Dann hat sich einer ihrer täglich wechselnden Nachbarn mal wieder in der Tür geirrt. „Ich sitze hinterher senkrecht im Bett und kann nicht mehr schlafen“, sagt die Mieterin, die seit Jahren in einem der Wohnblöcke in der Wilhelmstraße lebt, die zwischen der Voß- und der Behrenstraße liegen, so zentral, dass das Hotel Adlon nur ein paar Schritte entfernt ist.

Katarina Witt oder Günter Schabowski haben hier vor der Wende gelebt. Heute wechseln die Mieter häufiger: Denn seit die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) die Wohnblöcke vor fünf Jahren an die B.Ä.R. Grundstücksgesellschaft verkaufte, verwandeln sich viele der 900 Wohnungen nach und nach in Ferienapartments: Indem frei werdende Wohnungen nicht mehr vermietet, sondern im Internet als preiswerte Übernachtungsmöglichkeit beworben werden. Rund 200 Wohnungen sind dort bislang im Angebot. Der Journalist Daniel Dagan, der seit Jahren in der Wilhelmstraße lebt, will nicht, dass sich die Häuser in Feriensiedlungen verwandeln. Mit anderen Mietern hat er deshalb Anfang des Jahres die Bürgerinitiative Wilhelmstraße gegründet, um sich gegen die Umnutzung zu wehren und auch gegen die Mieterhöhungen, die die Anwohner Ende letzten Jahres in ihren Briefkästen fanden. „Bei uns geht es zu wie auf dem Bahnhof, es ist laut und oft auch schmutzig“, sagt er. Andere Mieter berichten von lärmenden Vereinen und von ständigen Überbelegungen: Da könne man in einem Zweizimmerapartment schon mal sechs Gäste brüllen und feiern hören. Eine Mieterin hat gegen den Lärm, der von den zehn Ferienwohnungen in ihrem Aufgang ausgeht, inzwischen erfolgreich geklagt – und eine Mietminderung von zehn Prozent erstritten. Der Hausbesitzer hat allerdings Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Vom Senat fühlen sich die Mieter alleingelassen: In der Antwort auf die Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Florian Graf erklärte die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher im Juni, dass der Senat auf die Umnutzung von Miet- in Ferienwohnungen kaum Einfluss habe. Der Grund dafür sei, dass das Berliner Oberverwaltungsgericht vor einigen Jahren das sogenannte Verbot der Zweckentfremdung von Wohnungen aufgehoben hat – da in Berlin kein Wohnungsmangel bestehe. Ähnlich argumentiert auch Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD).

Experten wie Joachim Oellerich, Sprecher der Berliner Mietergemeinschaft, befürchtet allerdings, dass die steigende Zahl von Ferienwohnungen in Berlin den Markt an normalen Mietwohnungen in der Innenstadt langfristig verkleinert: Der Hotel- und Gaststättenverband Berlin schätzt, dass es in der Stadt inzwischen rund 10 000 Ferienwohnungen gibt.Thema ist die Wilhelmstraße auch in Mittes Bezirksverordnetenversammlung: In zwei Anträgen, die Anfang November im Ausschuss für Stadtentwicklung debattiert werden, fordert zum einen die Linkspartei, den Betrieb von Apartments auf dem Gelände zu unterbinden. Die FDP verlangt vom Bezirksamt, sich auf Landesebene für eine Beschränkung einzusetzen: „Wir wollen kein Verbot von Ferienwohnungen“, sagt der Bezirksverordnete Peter Pawlowski. Aber es müsse eine „kritische Größe“ festgelegt werden, zum Beispiel ein prozentualer Anteil von Wohnungen in einem Haus, ab dem die Umnutzung von Miet- in Ferienwohnungen untersagt werden soll. Rita Nikolow

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