Berlin : Willensstark auf dem roten Teppich

Elisabeth Binder

Nicht nur während der Berlinale hat sie viel Stress - Patente Sprüche helfen ihrElisabeth Binder

Der Generation nach könnte sie es sein, aber die Frage verblüfft sie dann doch. Ob sie eine Feministin ist? "Sehe ich so aus?" fragt sie ein bisschen entsetzt. Und lacht dann laut los. Nein, keine Sorge. Regina Ziegler ist eher der Typ patente Prachtfrau. Jemand mit Kopf und Gefühl und viel Kiel. Als erfolgreiche Filmproduzentin hat sie es in einer Männerwelt geschafft, und sie hat sich viele Träume erfüllt, die kleine Mädchen früher hatten. Ihr persönlicher Assistent zum Beispiel ist ein Traum an Effizienz und Freundlichkeit. Dabei strapaziert sie ihn ganz schön. Immer wieder muss er Unterlagen herbeibringen, die ihr wichtig sind. Und es gibt eine Menge Unterlagen, wenn man über 200 Filme produziert hat.

Für Regina Ziegler ist jeden Tag der rote Teppich ausgerollt. Rot ist ihre Farbe und die Farbe der Läufer in den langen Fluren, die zu ihrem Büro mit Balkon und Blick über den Lietzensee führen. Rot ist die Farbe des Kostüms, das sie trägt, rot sind viele ihrer Hutgebilde, die sie mit Leidenschaft sammelt, rot ist das neue Briefpapier mit dem schicken Logo der Designer E27. Rot sind der glänzende Golfsack in der Ecke und die Teekanne auf dem Tisch. Rot ist auch ihr Cadillac Eldorado, mit dem sie zum Flughafen nur acht bis neun Minuten braucht. "Ein Taxifahrer braucht mindestens elf", sagt sie zufrieden.

Sie war 29, als sie sich selbständig machte. Zuvor hatte sie Jura studiert, aber nicht abgeschlossen, sehr zum Kummer ihrer Eltern, denen der Krieg ein Studium verwehrt hatte, und die nun die Tochter gern als Akademikerin gesehen hätten. Wolf Gremm, ihr Ehemann, ermutigte sie zu dem Schritt in die Selbstständigkeit. Mit ihm zusammen machte sie ihre erste Produktion "Ich dachte, ich wäre tot" - und erhielt gleich den Bundesfilmpreis. Später gab es mehr Auszeichnungen, von denen einige zu sehen sind in den langen Fluren mit den roten Teppichen. Sie bekam zum Beispiel den American Cinema Award, den Adolf Grimme Preis, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und eine Hommage auf dem Internationalen Filmfestival in Los Angeles. Bandbreite war ihr immer wichtig. Sie hat große Kinofilme produziert wie "Solo für Klarinette" oder "Fabian", aber auch Fernsehfilme wie "Meine Tochter gehört mir" und Serien wie "Spreepiraten". Über 150 Festivals buchten ihre "Erotic Tales".

Ihr Beruf ist ihr Leben. Dass jemand von neun bis fünf ein anderer Mensch ist als danach, kann sie sich für sich gar nicht vorstellen. "Ich bin immer ich." Es hilft allerdings, dass ihr Mann als Autor und Regisseur tätig ist und Tochter Tanja seit dem 1. Januar zusammen mit ihr Geschäftsführerin der Produktionsfirma ist. Natürlich fetzt man sich zu Hause, bestimmen Filme auch manches Gespräch. Arbeitssüchtig ist sie trotzdem nicht. "Man muss gut zu sich sein", lautet eines ihrer patenten Credos. Je stressiger es um sie herum wird, desto ruhiger wird sie selbst. Ihr Organisationstalent hilft und auch das Team, auf das sie schwört, 18 Frauen und fünf Männer, alles Top-Leute und immer gut gelaunt. Gute Laune gehört bei ihr zu den Einstellungsvoraussetzungen. Muffeligkeit kann sie nicht ausstehen und "zum Optimismus kann man sich disziplinieren", ist sie überzeugt.

Glück gehört natürlich auch dazu. Ihr Glück heißt Wolf Gremm, der Mann, den sie geheiratet hat, der Mann, der sie in die Karriere als Filmproduzentin hineingeredet hat. Der Mann, der ihr Zuversicht und Selbstvertrauen gegeben hat und jede Menge Tipps. "Alle großen Stars haben ihre persönlichen Trainer, die sie aufbauen", sagt sie, "ich habe meinen Mann." In Amerika, besonders in ihrer Lieblingsstadt New York, haben zudem die meisten Leuten einen Psychotherapeuten, da ist es ihr doch ganz lieb und bequem, "dass ich sowas zu Hause habe." Sie hätte übrigens die Möglichkeit gehabt, in New York zu arbeiten, aber ihr Heimatgefühl ist in Berlin verwurzelt. "Als ich 25 Jahre hier war, habe ich Silberhochzeit mit der Stadt gefeiert", erzählt sie, ein ganzes Wochenende lang ist sie mit Bahnen durch die Stadt gefahren. Hier hat sie auch ihre Freunde, und eine besonders gute Freundin ist Brigitte Mira. Zu ihren Lieblingsorten in Berlin gehört der Waldfriedhof in Zehlendorf. Dort hat sie ein ähnlich friedliches Gefühl, wie auf Mallorca, wo sie gern ist, um neue Ideen zu entwickeln. Der Blick übers Meer hilft, den Horizont zu weiten. Und damit es nicht allzu ruhig wird, hat sie reichlich Faxrollen und natürlich ihre Handys im Gepäck.

Oh ja, sie hat was von ihrer Naivität verloren mit den Jahren. Ihr Motto heute: "Produzieren bleibt schwierig." Ein Produzent ist immer auf der Suche, sie betrachtet sich selbst gewissermaßen in gebückter Haltung lebend, die Nase auf dem Boden wie ein Trüffelschwein. Ständig auf der Suche nach dem Stoff, den sie nicht schon hundert Mal gesehen hat. Erfahrung und Nase spielen eine wichtige Rolle in ihrem Metier. Sie reist nie ohne Bücher, für den Fall, dass sie Zeit zum Lesen findet, sie schaut sich Fernsehen und Filme an, sooft sie kann, manchmal Bänder spät in der Nacht.

Wenn sie ein Film ernsthaft beschäftigt, wie kürzlich "The Sixth Sense", dann sieht sie ihn sich auch drei oder viermal hintereinander an. Um sechs oder halb sieben steht sie auf, macht ihre heißkalten Wechselbäder, setzt sich, weil man ja gut zu sich sein muss, in den Whirlpool in ihrem Haus in Schlachtensee. Regina Ziegler steckt voller guter Sprüche. "Ich lebe mein Leben wirklich aus" ist einer davon. Ein anderer: "Man muss Dinge tun, weil man sie tun will, nicht weil man dafür bezahlt wird." Und ihr Lieblingsspruch geht so: "Wenn schon durch die Wüste gehen, dann auch Spuren hinterlassen."

Die Eltern flohen am Ende des Krieges vor dem russischen Kugelhagel ins Weserbergland. Der Vater, der eigentlich hatte Förster werden wollen, nutzte ein geheimnisvolles Talent und spürte als Wünschelrutengänger in Indien Wasseradern auf. Die Mutter, die aus dem Harz stammt, vom Hexentanzplatz in Allrode, arbeitete als Filmjournalistin. Als der Vater krank wurde, sammelte sie Kräuter und hielt ihn damit gegen alle Prophezeiungen der Ärzte noch vier Jahre am Leben. Die Eltern waren durch den Krieg arm. Sie sparten sich das kleine Haus und später das Schulgeld für die Kinder gewissermaßen vom Munde ab. Auf dem Klo des kleinen Häuschens hing ein weiterer Spruch, den Regina Ziegler sich für ihr Leben zu Herzen nahm: "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg."

Diese positive Lebenshaltung hat ihr durch manchen Strudel hindurchgeholfen. Durch die Anfangsjahre, als die arrivierten Männer in der Branche die Augenbrauen hochzogen, "Was will die denn da?" und auch durch die Zeit, als sie Minusmillionärin war. Inzwischen ist das Verhältnis zu den anderen Produzenten ganz gut: "Man kommt sich nicht in die Quere." Inzwischen hat sie hundert Filmrechte, "die ich gut verwerten kann", hat sie Filme mit Andrzej Wajda gemacht, der demnächst einen Ehrenoscar bekommt. "Ich habe nie locker gelassen, vielleicht war das meine Stärke," sagt sie. "So habe ich auch Anerkennung gefunden." Mit dem Mann an der Seite und der Mutter im Hintergrund, dem guten Gefühl, dem Selbstvertrauen, dem Glauben, dass man was bewegen kann, hat sie es einfach geschafft. Natürlich half auch die Ehe, die all die Jahre überstanden hat. Noch heute stellt ihr Mann ihr frische Rosen ans Bett, "und freut sich, wenn ich merke, dass sie von ihm sind." Das Frühlingsgefühl breitet sich im Alter von 55 Jahren in ihr mehr und mehr aus. "Ich fühle mich täglich jünger." Obwohl sie keine Modelfigur hat, würde sie nie an eine Diät denken, außer aus gesundheitlichen Gründen. Da kennt sie keine falsche Eitelkeit, hat sich von der Glamourwelt des Kinos nicht in Star-Attitüden treiben lassen. Sie mag keine Feministin sein, aber das Gegenteil ist sie auch nicht. Regina Ziegler ist immer nur Regina Ziegler.

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