Berlin : Willi Günter Haupt (Geb. 1917)

Und siehe da: Else war sogar noch kleiner als er

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Mit seinen Händen konnte Günter alles bauen, Häuser, Straßen und künstliche Teiche. Nur seine Frau, die kann er nach ihrem Schlaganfall nicht wieder aufbauen, die kann er nur noch pflegen. Da steht er neben ihrem Bett, beugt sich zu ihr herunter und berührt mit seinen Fingern ihre Haare, ganz vorsichtig. Else scheint zu verschwinden, sich aufzulösen, zwischen Bettdecke und Kissen und Günter kann nur zuschauen.

54 Jahre ruhige Ehe, doch der Anfang war laut. Tanzmusik, der erste laue Frühlingsabend, Café Krumme Lanke, 1946 war das. Berlin wurde langsam wieder munter und Günter war auf Brautschau. Zusammen mit einem Freund, der für ihn die Damen ansprechen sollte. Denn Günter hatte ein Problem. Er sah zwar gut aus, keine Frage, die Augen blau, die Haare blond, die Gesichtszüge schmal und markant. Mit Hut, Krawatte und Anzug machte er was her. Aber er war nur 1,62 Meter groß, und das konnte er nicht kaschieren. Er schickte seinen Freund vor, der um den ersten Tanz bitten sollte, damit Günter aus sicherer Entfernung die Größenverhältnisse abschätzen konnte. Und siehe da: Else war sogar noch kleiner als er. Von da an tanzte Günter nur noch mit seiner Else. Walzer und Foxtrott hatte er in einer Tanzschule gelernt, damals, vor dem Krieg, vor dem Wehrdienst, vor dem Arbeitsdienst.

Freiwillig hat er sich nicht gemeldet. Er hatte die Ausbildung zum Straßenbauer und Steinmetz eben erst beendet und wollte weiter, höher, wollte Architekt werden. Doch die nationalsozialistische Maschinerie rief die jungen Männer bereits in ihren Dienst, also ging auch Günter: Stiefelgröße 41, Blutgruppe B, Gasmaskengröße 2. Erst Soldat, dann Gefreiter, dann Obergefreiter, dann Unteroffizier der motorisierten Flakabteilung II/22.

Am 1. September 1939 marschierte er mit in Polen ein, am 9. September brach er auf einem der vielen Schlachtfelder zusammen. Ein doppelter Lungenschuss. Der Sanitäter hielt ihn für tot. Ein Kriegspfarrer legte ihm einen Anhänger auf die Brust: einen kleinen metallenen Jesus an einem Holzkreuz. Aber Günter lebte noch, kam für ein paar Monate ins Lazarett und sollte den Rest seines Lebens diesen Anhänger mit sich tragen. Fünf Jahre war er dann noch im Krieg, fünf Jahre, über die er nichts erzählte, den Rest seines Lebens.

Nach der Kriegsgefangenschaft kehrte er nach Kleinmachnow zu seinen Eltern und seiner Schwester zurück. Sie wussten davor voneinander gar nicht, dass sie noch lebten. Mauerstein für Mauerstein baute Günter aus Trümmerresten ein eigenes Haus. Ein Jahr lang schuftete er, dann konnte er mit seiner Frau Else einziehen. Sie umsorgte ihn, war für ihn da, nannte ihn „mein Günti“. Wenn er arbeiten war, machte sie das Mittagessen, setzte sich aufs Fahrrad und brachte ihm seinen warmen Eintopf. Wenn er nach einem kalten Tag nach Hause kam, hatte sie die Hausschuhe angewärmt.

Günter gründete seinen eigenen Baubetrieb, nichts Großes, ein paar Angestellte, ein paar Baufahrzeuge. Der Architekten-Traum war ihm im Krieg verloren gegangen, nun blieb es beim Meister. Es gibt kaum eine Straße, kaum eine Kreuzung in Kleinmachnow, die er nicht wieder zusammengeklopft hat. Um an das Material zu gelangen, baute Günter die Straßen ab, die wenig benutzt wurden, um mit den Steinen andere aufzubauen. DDR-Logik. Weniger DDR-logisch war, dass sein Betrieb nicht verstaatlicht wurde. Er wurde gebraucht und wurde ausnahmsweise verschont. Seinen Nachbarn baute Günter alles, was sie sich wünschten, seine Spezialität waren künstliche Teiche.

Stein für Stein, Straße für Straße verging die Zeit. 1989 stellten sie einen Ausreiseantrag, verkauften alles und gingen. Als die Mauer fiel, saß Günter vor dem Fernseher in West-Berlin. Er weinte, aber nicht vor Freude, sondern aus Wut. Zu früh verkauft, zu früh gegangen. Wer konnte denn so was ahnen?

2000 starb seine Else. Nun ist er ihr gefolgt. Urne an Urne sind sie wieder zusammen.

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