Berlin : Willi Herberg (Geb. 1914)

Stadtansichten für die Offiziere, Schultheiß für die Bremer. Ein Verkaufstalent.

Veronika de Haas

Die Heimat erfuhr nie von seinen Talenten. Mit vier musste Willi Zaborowo verlassen. Da war der Erste Weltkrieg vorbei und die Deutschen nicht mehr wohlgelitten in der Provinz Posen. Das Angebot der polnischen Staatsbürgerschaft schlug die Familie aus, Briefträgermeister Heinrich Herberg ließ das Häuschen zurück und zog mit Frau, den beiden älteren Kindern und Nesthäkchen Willi nach Berlin. Um auch dort die Vorzüge ländlicher Idylle genießen zu können, ließ er sich in Grunewald anstellen. Als Geldbriefträger war er den dort wohnenden Schauspielern, Regisseuren und Magnaten bald wohlbekannt. Zu Weihnachten brachte er immer reichlich Trinkgeld nach Hause, das zunächst in der Hausmeisterwohnung auf dem Anwesen des Großindustriellen Stinnes lag. Willi erlebte so die glamourösen zwanziger Jahre aus nächster Nähe, wenngleich aus der Bedienstetenperspektive.

Auch wenn er ein durchschnittlicher Schüler war, in Betragen stand er immer sehr gut. Rechnen und zeichnen konnte er auch sehr gut. Eigentlich wollte er an die Kunsthochschule; wahrscheinlich scheiterte das am Geld. Er konnte sich noch nicht mal den Fahrschein zu den Turnieren seiner Hockeymannschaft leisten und musste immer bis Spandau oder Zehlendorf laufen. Da entschied er sich nach der Schule für etwas Solides. Er und wurde Versicherungskaufmann.

Sein Gehalt war allerdings zu gering, als dass es auch für den Eintritt in den Delphi-Palast gereicht hätte. Tango und Jazz, Carlos Gardel oder Teddy Stauffer wollte er dennoch nicht verpassen, deswegen schlich er sich immer irgendwie ein. Drinnen konnte er die Damen zwar nicht auf ein Getränk einladen, doch seinem Charme erlagen einige. Zu gern hätte Willi die Freundinnen auch wie der schicke „Tennisbaron“ Gottfried von Cramm, für den er Balljunge war, in einem MG durch die Stadt kutschiert. Er schaffte es immerhin bis zu einem Motorrad. Aber dann kam der Krieg und begrub es ungefahren unter Trümmern.

Willi war schon 1937 eingezogen worden. Im Nachrichtenkorps war er beim Polenfeldzug dabei, danach in Frankreich stationiert. Von dort ging es mit dem Zug direkt am Haus der Eltern vorbei nach Russland. Zwei Jahre war er im Kessel von Demjansk eingesperrt. Er hat Fotos und Erinnerungen aufgehoben und sortiert: von Freunden, der Umgebung, von jungen Mädchen, ihre Liebesbriefchen, ein Abzeichen.

1945 geriet er in Oldenburg in britische Gefangenschaft. Er konnte sich dort ein wenig Geld verdienen, weil den Offizieren seine minutiös gezeichneten Stadtansichten gefielen. Er verzierte ihnen Lampenschirme und Mappen, im Februar 47 ließ man ihn frei.

Nach zehn Jahren war er nun zurück in Berlin, im Nichts, und hier waren wieder seine kaufmännischen Geschicke mehr als die künstlerischen gefragt. Der amerikanische Offizier, dessen Fahrer er bald war, verhalf ihm zu Zigaretten, schließlich kaufte er sich einen Lieferwagen, fuhr damit in die Schweiz und besorgte dort fünf Wagenräder Käse. Vier nahm ihm das KaDeWe ab, der fünfte war auf dem Weg schlecht geworden. Den verkaufte Willi in Wedding auf der Straße und lief dann ganz schnell davon.

Eine gesunde Feigheit, wie er es nannte, hielt ihn von richtig krummen Dingern ab. Durch die ganze Republik fuhr er, immer vornehm gekleidet, den Scheitel in Öl. Im Zug nach Hamburg lernte er Elena kennen. Sie war zehn Jahre jünger, hatte drei Verlobte an den Krieg verloren und ließ ihn nicht mehr gehen. Schnell wurde geheiratet, nur mit den Kindern wollten sie noch warten. Erst sollte ein wenig Ruhe in das gemeinsame Leben kommen.

Seine erste richtige Anstellung bekam Willi als Akquisiteur bei Schultheiß in Hamburg. Die Aufgabe war ihm auf den Leib geschneidert. Handeln konnte er hervorragend, und vor allem: Er konnte alles verkaufen. Er machte Astra den Thron in Hamburg streitig und wurde dafür bald Chef für Bremen und Ostfriesland. Auf dem Sechs-Tage-Rennen in der Bremer Stadthalle wurde während seiner Amtszeit statt Beck’s nur noch Schultheiß ausgeschenkt.

Für die Kunst hatte er seit seiner Kriegsrückkehr keine Zeit mehr gehabt, er half höchstens mal bei den Zeichen- Hausaufgaben von Sohn Christian. Erst als Pensionär, als er mit Elena nach Bad Harzburg gezogen war, fing er wieder an, zu malen. Und diesmal richtig. Sein Lieblingsmotiv: historische Stadtansichten der Umgebung. Es dauerte nicht lang, da machte er auch daraus ein Geschäft. Er ließ Postkarten drucken und verkaufte sie in den portraitierten Orten. Wenige konnten dem netten älteren Herrn mit Hut und Aktentasche etwas abschlagen. Sein Sortiment wuchs, die Nachfrage auch. Karstadt Braunschweig orderte 20 000 Stück.

Mit über achtzig kam er wieder nach Berlin. Elena starb vor ihm, da war er lange niedergeschlagen. Er zog mit Christians Familie nach Schmargendorf. Dort verbrachte er viele Tage vor dem Haus, rauchte Zigarre und schaute aufs Feld. Hin und wieder unternahm er einen Akquisegang. Die Dresden-Serie hat er noch in Druck gegeben. Für Leipzig reichte die Zeit nicht mehr. Veronika de Haas

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