Berlin : Willis Waffenschmiede

Andreas Conrad

Die Beschäftigung mit weiblichen Aktstudien rechnet man gemeinhin nicht zu den postalischen Aufgaben. Das muss selbst Wilhelm Ohnesorge, Reichspostminister von 1937 bis 1945, klar gewesen sein. Die von seiner Behörde um 1940 bei einem Professor Barthel-Mark zu Lasten der Postkasse angefertigten Studien wurden jedenfalls unter dem unverfänglichen, eher Kunst am Bau als kunstvollen Körperbau suggerierenden Haushaltstitel "Büste" verbucht. Immerhin war das Modell sozusagen Posteigentum: Auguste Videcnik, kurz Gusti, die vergleichsweise blutjunge dritte Ehefrau des Ministers, an sich schlichte Postgehilfin aus Österreich, die aber nach der Bekanntschaft mit dem flotten Willi eine erstaunliche Karriere im reichsdeutschen Postwesen gemacht hatte, nebst eigenem, aufwändig ausgestatteten Büro direkt neben dem des Ministers.

Ohnehin hatte dieser eine ausgesprochene Schwäche fürs andere Geschlecht, ließ weibliche Angestellte bei Prüfungen schon mal zur Laute Volkslieder vortragen und entschied dann je nach Sangeskunst über ihre Laufbahn. Eine sicher verwerfliche, doch eher komische Schwäche eines Mitglieds der nationalsozialistischen Führungsriege und so ziemlich das einzige Amüsante, was Hubert Faensen in seinem Buch "Hightech für Hitler" über den Minister zu berichten weiß. Das übrige Bild zeigt einen korrupten, im Konkurrenzkampf der NS-Paladine eifrig mitmischenden Parteigenossen, der sich ausgerechnet Himmlers und seiner SS als Bundesgenossen zu versichern wusste.

Auch die von Faensen beschriebenen Postaktivitäten auf der Kleinmachnower Hakeburg und in der angeschlossenene Reichspostforschungsanstalt passen so gar nicht zu dem Bild des biederen, gemütlich Postsendungen austragenden Briefträgers: Auf dem heute unter Denkmalschutz stehenden Areal nahe dem Teltowkanal forschte die Post emsig für Hitlers Angriffskrieg, bastelte man an kameragesteuerten Gleitbomben, tüftelte an Radargeräten, Verschlüsselungs- und Abhörtechniken, ja brütete sogar über eine mögliche militärische Nutzung der Atomforschung. Manches blieb in unbrauchbaren Anfängen stecken, auch ist nicht immer exakt zu bestimmen, was nun in Kleinmachnow und was in den zahlreichen Außenstellen erforscht wurde, zumal viele Institute mit immer bedenklicherem Kriegsverlauf ausgelagert wurden. Aber die Anlage um den alten Herrensitz der Hakeburg blieb doch das Zentrum all dieser wehrtechnischen Aktivitäten.

Gestützt auf ein gründliches, mitunter allzu detailfreudig ausgebreitetes Quellenstudium hat Faensen, bis 1992 Ordinarius für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität, eine gelungene Verbindung aus lokaler und nationaler Geschichte vorgelegt, anfangs im Heimatkundlichen gründelnd, von dort rasch wechselnd auf die übergreifenden Ebenen der Post-, Technik- und Politikgeschichte. Hochinteressant - weil für die NS-Herrschaft symptomatisch - ist etwa das beschriebene Hin- und Hergezerre der verschiedenen Machtzentren, dieses gegenseitige sich Ausspielen der Gefolgsleute Hitlers. Erstaunlich auch, welche heute perfektionierten (Kriegs-)Techniken damals in Ansätzen schon vorhanden waren.

Faensen zeichnet die Geschichte der Neuen Hakeburg seit ihren Anfängen nach, den Bau zu Beginn des letzten Jahrhunderts durch den vom Kaiser favorisierten Architekten Bodo Ebhardt, den Verkauf des Geländes an die Reichspost 1937, den von Ohnesorge auch aus privatem Interesse vorangetriebenen Umbau - Herrensitz als Residenz! -, schließlich Planung und Errichtung der Forschungsanstalt, ihre Arbeit mit Schwerpunkt auf der Wehrtechnik. Damit war es 1945 natürlich zu Ende, das staatliche Interesse an der attraktiven Immobilie aber blieb. Nach einigem Nachkriegswirren - sogar ein Spielkasino war im Gespräch - wurde das Gelände 1948 der SED übereignet, die dort die Parteihochschule "Karl Marx" eröffnete. Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Walter Ulbricht waren in der Kaderschmiede regelmäßig zu Gast, Wolfgang Leonhard und Carola Stern lehrten dort. Im Joliot-Curie-Klub, der 1962 im Herrenhaus gegründet worden war, verkehrte Kulturprominenz wie Christa Wolf, Frank Beyer und Manfred Krug oder auch Wissenschaftler wie Manfred von Ardenne. Zwei Jahrzehnte später - die Hakeburg wurde mittlerweile als SED-Gästehaus genutzt - schlummerten dort Michail Gorbatschow, Fidel Castro und Jasir Arafat.

Eine spannende Geschichte, der der spröde, der Geduld des Lesers einiges abverlangende Stil des Autors nicht ganz gerecht zu werden vermag. Auch leuchtet die Gliederung des Buches nicht immer ein. Der kapitelweise Sprung vom Bau der Forschungsanstalt zu den dortigen Tüfteleien und wieder zurück zur Architektur liegt zumindest nicht nahe. Empfehlenswert bleibt das Werk gleichwohl, nicht nur für die zahlreichen, an ihrer Nachbarschaft noch besonders interessierten Neu-Kleinmachnower.

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