Willkommen im Baby-lon : "Von Windeln verweht": Kino für Eltern

„Von Windeln verweht“ heißt es regelmäßig im Filmtheater am Rosa-Luxemburg-Platz - auch am Mittwoch wieder. Ein Ortstermin zwischen Windeln und Fläschchen.

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Geht doch vorher noch mal ins Kino. Viele werdende Mütter und Väter kennen diesen Satz. Im Babylon geht es auch hinterher.
Geht doch vorher noch mal ins Kino. Viele werdende Mütter und Väter kennen diesen Satz. Im Babylon geht es auch hinterher.Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Ganz ehrlich: Wenn Sie sich über das Knistern von Chipstüten im Kino aufregen können, dann ist das hier nichts für Sie. Es schnauft, brabbelt und kräht, Babys robben über den Boden, Eltern stehen zwischen den Sitzreihen. Im Saal ist es recht hell, Kindergesichter tauchen vor der Leinwand auf.

Wenn Sie aber gerade vier Monate Berliner Winter mit einem Säugling hinter sich gebracht haben, dann könnte das hier genau Ihr Ding sein. Vermutlich haben Sie sich nicht nur einmal gefragt, was man eigentlich den ganzen Tag lang macht mit dem Baby, wenn es draußen regnet und stürmt. Nun, ganz einfach: Ins Kino gehen.

Ganz einfach? Fast jedes Paar, das ein Kind erwartet, bekommt den Ratschlag: „Geht noch mal ins Kino! Mit dem Baby geht das nicht mehr.“ Das ist der Klassiker. Nur dass das so gar nicht stimmt. Jedenfalls nicht in Berlin. Sie wissen schon: Hier ist immer was los, 365/24. Und mittwochs um 11 Uhr gibt es eben Kinderwagenkino.

Zugeständnisse muss man schon machen

Gedacht ist es eben für junge Eltern und ihre Babys. Das heißt aber nicht, dass hier im Babylon am Rosa-Luxemburg-Platz „Bambi“ und Konsorten gezeigt werden. Das Programm richtet sich an die Erwachsenen. Gezeigt werden aktuelle Kinofilme, größtenteils sind es Arthouse-Filme. Dabei dürfen die Kinderwagen mit in den Saal, der Ton ist leiser eingestellt als sonst.

Aron kommt das entgegen. Er ist knapp sechs Monate alt und schläft in der Babytrage. Für seine Eltern Inka Bretschneider, 33, und Steffen Lehmann, 38, ist es der erste Kinobesuch seit Arons Geburt. Bretschneider verbringt ihn nun größtenteils im Stehen. „Wenn ich mich hinsetze, wacht er sofort auf“, sagt die Schauspielerin aus Prenzlauer Berg. Nach ungefähr der Hälfte von „Im Schatten der Frauen“ wird Aron trotzdem wach, wandert rüber auf den Arm seines Vaters. Kurz darauf verlässt der eilig den Kinosaal, Kind und Wickeltasche im Anschlag.

Kino wagen mit Kinderwagen: Grit Bochanky (38, aus Rudow, links) und Anja Bruckert (38, aus Neukölln).
Kino wagen mit Kinderwagen: Grit Bochanky (38, aus Rudow, links) und Anja Bruckert (38, aus Neukölln).Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Bretschneider und Lehmann haben das beste Betreuungsverhältnis im Saal: zwei Erwachsene für ein Kind. Davon kann Grit Bochanky nur träumen. Sie ist ohne Partner gekommen, dafür mit zwei Babys. Clara und Nils sind Zwillinge, sechs Monate alt. So wird der französische Schwarz-Weiß-Film für Bochanky zum Actionstreifen: In den 73 Minuten des Films wickelt, bespaßt, wiegt, stillt die Bankangestellte aus Rudow ihre Kinder. Ein paar Zugeständnisse muss man schon machen, wenn man mit dem Anhang ins Kino geht. Aber: „Die Handlung habe ich noch mitbekommen“, sagt Bochanky.

Übermäßig laut wird es während der ganzen Vorführung nicht. Die kleine Florence verschläft den kompletten Film im Kinderwagen. Ihre Mutter Alexandra Luther, 37, ist genauso entspannt. Die Archivarin aus Pankow war schon nach der Geburt ihres ersten Kindes regelmäßig hier und hat die Erfahrung gemacht: „Mit Stillen klappt es eigentlich immer.“

„Von Windeln verweht“

Sie findet, dass das Angebot ein Segen ist – gerade für die Eltern von Winterbabys. Vor lauter „Hoppe, hoppe Reiter“ könne einem schon mal die Decke auf den Kopf fallen. Da erscheint die Aussicht, morgens mit Rassel und Babygläschen ins Kino aufzubrechen, gleich in einem völlig neuen Licht. Auch Arons Eltern meinen: „Hauptsache Input!“

Der Geschäftsführer des Babylon, Timothy Grossman, hat das Kinderwagenkino 2006 gegründet, Untertitel: „Von Windeln verweht“. Nun ja. Das Format sieht er als Angebot an junge Eltern, mal wieder rauszukommen und Leute in der gleichen Lebenssituation kennenzulernen. „Hier braucht sich niemand schlecht zu fühlen, wenn das Kind plärrt, es sitzen ja alle im gleichen Boot“, sagt der 54-Jährige. Tut dann auch keiner. Im Gegenteil. Bretschneider sagt nach der Vorstellung, sie fühle sich richtig beflügelt. Und Grossman beflügelt der Gedanke, das viele seiner Gäste später sagen werden, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben im Babylon im Kino waren.

Kinderwagenkino im Babylon Mitte, jeden Mittwoch um 11 Uhr. Nächste Vorstellung am 16. März: The Danish Girl. Weiteres unter www.babylonberlin.de

KULTUR FÜR KINDER

Wenn die Kleinen etwas älter sind, wird bei vielen Berliner Kulturstätten etwas geboten. Die Berliner Orchester veranstalten Kinderkonzerte, bei den Berliner Philharmonikern steht am 1.April die nächste Veranstaltung zum Mitsingen, Mitmachen und Zuhören auf dem Programm. Die Komische Oper lädt am 17. April zum Kinderkonzert (ab vier Jahre) ein: „100 Prozent Bio“ heißt es dann bei Schuberts „Forelle“ und Haydns „Das Huhn“. Regelmäßig veranstaltet auch die Deutsche Oper einen Familienworkshop: „Ein Stück vom Himmel“ für Kinder von zwei bis vier Jahren gibt es das nächste Mal am 8. Mai.
Natürlich bieten auch die Museen der Stadt Führungen und Veranstaltungen für ganz junge Besucher an.
Im Jüdischen Museum beispielsweise können Kinder „Das verrückte Haus“ von Architekt Daniel Libeskind erkunden. Die Staatlichen Museen bieten Workshops und Führungen durch ihre Sammlungen an. Und natürlich gibt es die Kindermuseumsklassiker „Labyrinth“ und „Mach mit“ sowie das Jugendmuseum Schöneberg. (ling)
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