Berlin : Willkommen in den Goldenen Zwanzig

Harte Zeiten liegen hinter dem drinking man des Tagesspiegels. In diesem Jahr hat er an Dutzenden Tresen gestanden und an noch mehr Cocktails genippt. Aber nun ist der große Thekentanz-Test beendet, das Urteil steht fest: Hier sind die besten Bars in Berlin

Frank Jansen

Die Stimmung war schlecht in diesem Jahr, geradezu grauenhaft. An jeder Ecke lauerten Totschlagsvokabeln wie „Gesundheitsreform!“, „Haushaltskürzung!“, „Umbau der Sozialsicherungssysteme!“ und, für unsereins ganz schrecklich, die ersatzlose „Streichung der Berliner Whisky-Zulage!“ Außerdem steht jetzt auf jeder Spirituose in großen Lettern „Frozen Margaritas können ihre Potenz verfrosten“ oder „Lautes Trinken zermürbt ihre Mitmenschen“ oder schlicht „RUM HAUT UM!“ Naja, nicht wirklich. Aber trotzdem sind drinking man und compañera ein wenig bänglich in die Bars geschlichen, in der Hoffnung auf einen Restposten Himmel in der Hölle teutonischen Trübsinns. Am Ende dieses Jammerjahres seien nun den unbeugsamen Getreuen des elegant drinking die zwanzig Berliner Refugien empfohlen, in denen sich der Weltuntergang feucht-frivol überdauern lässt (Adressen siehe unten).

Da wäre als erstes die Victoria Bar zu nennen, die nicht nur exzellente Cocktails bietet, sondern ihre Gäste jetzt auch noch eisern trainiert in einer „Schule der Trunkenheit“. Wer deren Examina besteht, ist gegen alle Zumutungen des Alltags gewappnet. Nirgendwo sonst werden Gin, Wodka, Whisk(e)y, Rum und Champagner derart einprägsam „unterrichtet“. Und auch jenseits der Schulstunden kompetent verabreicht.

Auf diese Weise gestählt können sich aficionadas y aficionados ins Fluido begeben, der interessantesten Thekentanz-Entdeckung des Jahres. Eine „bar di notte“ mit prächtigem Tresen und erstaunlichen neun Gin-Marken. Hier kann man sich festtrinken.

Es folgt einer der großen, kleinen Klassiker. Das Windhorst ist eher eng und doch grandios, der stets kordiale jefe komponiert einen fantastischen Red Lion und andere Köstlichkeiten. Wer sicher sein will, einen Drink immer perfekt gemixt und freundlich serviert zu bekommen, kann sich sans doute ins Windhorst begeben.

Ein überraschend stilsicherer Newcomer ist die Saphire Bar , ein Lokal im sparsam dosierten 70-Jahre-Retro-Look. Auch hier wird der Gast mit wohltuender Höflichkeit bedient. So lassen sich die superben Drinks wie der Alabama Slammer optimal genießen. Das gilt auch für die Mutter aller Berliner Off-Bars, das Green Door . In dem Urschleimschlauch wurde Mitte der neunziger Jahre die Berliner Cocktailkultur wiedergeboren; bis heute muss sich jede neue Mixdrinkschänke an dieser Institution messen lassen. Mithalten kann da beispielsweise die Haifischbar , die in Kreuzberg den Ton angibt und obendrein leckere Sushi offeriert. Ganz am Ende des Stadtteils, im tiefsten SO 36, lockt ein weiterer Newcomer, die Bellman Bar . Hier wird sanft ironisch russische Schwermut inszeniert. Mit leckeren Wareniki und, es muss nicht immer Wodka sein, einem süffigen Pick me up.

Ziemlich neu ist auch noch das Felix , eine kühle, mehretagige und recht promilastige Bar-Restaurant-Kombination. Bei einem Red Kiss kann man unter anderem Sabine Christiansens Hund beobachten, wie er brav liegend das Tête-à-Tête von Frauchen und Friseur Udo W. durchsteht. Ganz und gar unprätentiös, und damit wären wir wieder in Kreuzberg, geht es im Würgeengel zu, einem weiteren Klassiker der Off-Bar-Szene. Hier plaudert, trinkt und flirtet jungakademisches Volk in einem rot-gold-pseudofeudalen Ambiente. Sehr gut: der Singapore Sling.

Ein all time favourite, auch zum Plaudern-Flirten-Trinken, ist die Weiße Maus in Wilmersdorf. Ein schmales Gewölbe, das nie renoviert werden darf und in alle Ewigkeit dazu bestimmt ist, den besten Planter’s Punch in Berlin zu präsentieren. Vergleichsweise groß, streng und wuchtig erscheint dagegen der Art-déco-Bunker Reingold, in dem Erika Mann breitwandformatig Bruder Klaus anhimmelt. Angenehm eingekerkert fühlt man sich auch im Riva, das in einem Backsteinbogen unter der heranrumpelnden S-Bahn zittert. Immer noch ein Hit: Der Hausdrink Gigi Riva, ganz schön strong.

Ganz woanders, etwa in Moabit, soll es auch Außenposten des elegant drinking geben. Einer ist das Nola’s, eine texanisch-mexikanische Bar-Restaurant-Mixtur samt kolonial möblierter Lounge. Dazu passt ein Bourbon Burner. Und noch einer. Und ein Touch Down . Schon materialisiert sich vor unseren Augen Papa Hemingway. Der sich im O (bst) & G (emüse) wohl nicht so heimisch gefühlt hätte, weil eine Bar im kunstvoll inszenierten 70er-Jahre-Design nicht für barocke Suffsäcke taugt. Sehr zu empfehlen: der Mai Tai.

Im Hecht Club besticht die Aussicht, vor allem im Sommer, wenn vor der Terrasse im fifties style der proletarisch anmutende Biergarten des Prater schäumt. Ein snobistisches Vergnügen: Mit einem famosen Gin Tai in der Hand die Humpenheber betrachten.

Und nun bittet der drinking man zur Andacht: The grand old man of the Berlin bar scene is still going strong. Rudolf van der Lak, 83 Jahre alt, schüttelt und rührt und lacht sich klack-klack-klack seit fast einem halben Jahrhundert durch den Bar-Appendix in der Galerie Bremer, dieses von Hans Scharoun entworfene Hinterzimmerkleinod mit einer unvergleichlichen Patina. Van der Lak trinkt am liebsten einen Manhattan, „so lange ich so jung bin“, klack-klack-klack. Unsterblich.

Angenehm langlebig zeigt sich auch die Jansen Bar (nein, sie untersteht n i c h t dem drinking man). Wuchtige Drinks an der Schöneberger Peripherie und immer wieder gut. Hübsch kuscheln kann die drinking crowd in der Seven Lounge, in der die grazile Ex-„Liebe-Sünde“-Moderatorin Mo Asumang ein Bett mit elfenbeinfarbenem Lederbezug garantiert ohne Hintergedanken platziert hat. Wer sich lieber einem Farbschock aussetzt, sollte sich dem 103 nähern, der am härtesten orange ausgeleuchteten Bar Berlins. Trotz der Strahlkraft und der dann unvermeidlich unechten Farbe vieler Drinks stellen sich im Testfall kaum Irritationen ein – eher schon bei Mojito oder Hurricane sanfte Wohlfühlgluckser. Diese werden im clever durchgestylten Keller der Bar Nou , die grelles Orange gottlob nur in ihrer Leuchtreklame zelebriert, zum Beispiel vom Cuban Island provoziert. Oder vom Sex on the Beach. Oder vom Singapore Sling. Oder – ach, trinken Sie doch selbst. Bevor das germanische Grauen zugreift und die Bars im Tränenmeer versinken. SKOL!

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