Berlin : Willkommen in der Bond-Familie

Casting-Agentin Annette Borgmann hat schon viele Großproduktionen mit Personal ausgestattet Aber die Arbeit für „Casino Royale“ mit dem neuen 007-Star Daniel Craig war doch etwas Besonderes

Siegfried Tesche

Das Projekt war „top secret“. Der Ort: das Madison Hotel (heute: Mandala) am Potsdamer Platz, vor genau einem Jahr. Zwei Tage lang huschten Schauspieler im Halbstundentakt in einen der Konferenzräume, in der Hand zwei, drei Textseiten eines streng geheimen Drehbuchs – Szenen aus dem neuen James-Bond-Film „Casino Royale“. Debbie McWilliams, Besetzungschefin der Produktionsfirma Eon aus London, hatte geladen, und die Berliner Casting-Agentin Annette Borgmann führte nun die Personen vor, die ihrer Meinung nach in Betracht kommen könnten.

Bei der Berlinale 2005 hatten sich die beiden kennengelernt. Sechs Jahre zuvor hatte Annette Borgmann, nach ersten Erfahrungen als Assistentin in einem Berliner Casting-Studio, sich selbstständig gemacht, der Stalingrad-Film „Enemy at the Gates“ war ihr Durchbruch gewesen. Erst sollte sie für Regisseur Jean-Jacques Annaud nur eine Handvoll Rollen besetzen, dann wurde es die komplette Riege der Schauspieler. Großproduktionen wie „Der ewige Gärtner“ und „Mission Impossible III“ folgten, doch das Bond-Casting war noch mal eine Nummer größer. Schließlich ging es um den Neubeginn der Reihe nach vierjähriger Pause, mit Daniel Craig, dem neuen Mann mit der Lizenz zum Töten. An sich wollte Annette Borgmann eine Pause einlegen, hatte geheiratet und Anfang September eine Tochter geboren. Doch im Oktober kam die Anfrage aus London, da konnte sie nicht Nein sagen. „Es war schließlich James Bond. Wann kommt das schon mal vor?“

Damals wurde das Script noch ständig umgeschrieben. „Ich hatte nur vier Wochen Zeit fürs Casting, ein Drehbuch bekam ich nicht“, erzählt die Casting-Agentin. Stattdessen erhielt sie Beschreibungen von Charakteren: „Carlos (Terrorist), Dimitrios (mediterraner Typ, Geldwäscher, verprügelt seine Frauen), Mendel (schmallippiger Schweizer Bankier), Mathis (Agent aus Montenegro), Shadowface (Mörder) und Valenka (kroatische Schönheit, sexy, um die 20).“ Oder, wie sie zusammenfasst: „Mörder, Agenten, schöne Frauen … Letztlich dreht es sich ja immer um das Gleiche.“

Gesucht wurden „Typen, Faces, charismatische Menschen und keine Diven“, sagt Annette Borgmann. „Die brauchten Gesichter, die man sich merkt.“ Und mit denen konnte sie aufwarten, hat sie doch über 10 000 Personen in ihrer Kartei, durchweg Schauspieler, Komparsen führt sie nicht. Im Gespräch für Mathis war Bruno Ganz, der wegen Terminproblemen absagen musste. Borgmann schlug Klaus Maria Brandauer für die Rolle vor, erhielt aber eine Absage, weil er ja schon als Bösewicht in „Sag niemals nie“ mitgewirkt hatte. Auch Ulrich Matthes war in der engeren Auswahl, musste aber wegen einer Theaterreise absagen.

Und wie haben sich Annette Borgmanns Schützlinge so geschlagen, Deutsche auf dem Sprung zur Weltkarriere? „Beim Casting waren einige Leute nervös, bekamen feuchte Hände und hatten Blackouts“, erzählt sie. „Ludger Pistor, Clemens Schick und Alexander Scheer haben einen tollen Auftritt hingelegt. Oskar Ortega Sanchez kam perfekt gestylt im weißen Anzug mit Goldkettchen für Dimitrios.“ Richtige Bond-Atmosphäre kam beim Vorsprechen aber nicht auf. „Es ist eben irgendein Konferenzraum. Der Schauspieler saß oder stand, und Debbie oder ich haben den Gegenpart gesprochen.“ Alle Bewerber mussten sehr gutes Englisch sprechen, durften einen Akzent haben, aber nicht zu stark.

Es vergingen Wochen der Unsicherheit. Letztlich wurde Clemens Schick als Kratt, der weitgehend stumme Diener und Leibwächter des Bösewichts Le Chiffre, verpflichtet. Seine Rolle wurde sogar erweitert, von 23 auf über 30 Drehtage. Ludger Pistor ist als Bankier Mendel zu sehen. Außerdem ist Jürgen Tarrach auf den Bahamas mit von der Partie, ihn hat Annette Borgmann nicht vermittelt. Auch die jüngst nach Berlin gezogene Veruschka von Lehndorff kam auf anderem Weg zu Bond. Sie pokert als Gräfin Manstein im titelstiftenden „Casino Royale“.

Annette Borgmanns Chancen für eine weitere Zusammenarbeit mit Debbie McWilliams stehen gut. Diese wollte „keine Primadonnen am Set“, sondern „angenehme Menschen“. Das muss funktioniert haben, die Reaktionen auf die deutschen Akteure waren positiv. Auch Clemens Schick kann von der Atmosphäre beim Dreh nur schwärmen. „Am Set wurde ich öfter mit dem Satz ,Welcome to the Bond Family’ begrüßt. Ich hatte das Gefühl, dass das keine abgedroschene Phrase ist. Was ich nicht wusste: Viele arbeiten schon jahrelang zusammen, Produktion, Casting und Kostüm zum Beispiel. Jemand sagte: ,Now you are a Bond baddie.’ Das war berührend.“

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben