• Willkommen zum ökonomischen Kirchentag Kardinal Georg Sterzinsky hat das rauschende Fest genossen.

Berlin : Willkommen zum ökonomischen Kirchentag Kardinal Georg Sterzinsky hat das rauschende Fest genossen.

Jetzt muss er die Sanierung des Bistums in die Hand nehmen

Claudia Keller

Die Hedwigs-Kathedrale war in den vergangenen Tagen so voll, dass die Hostien nicht reichten. Kardinal Georg Sterzinsky als katholischer Gastgeber des Kirchentags ein gefragter Podiumsgast und Autogrammgeber. Und fünf Tage lang sprach ihn in der Öffentlichkeit niemand auf das Finanzloch im Erzbistum an. Der Kirchentag war ein angenehmes Fest für den Berliner Erzbischof. Zumindest nach außen. Hinter den Kulissen spielten sich unangenehme Dinge ab, noch unangenehmere stehen Sterzinsky in den kommenden zwei Wochen bevor.

Von der Ökumene zur Ökonomie: Der Hildesheimer Bischof Josef Homeyer hat seinen Kirchentagsbesuch genutzt, um mit führenden Kirchenmännern über den Stand der Sanierungspläne im Bistum zu sprechen und darüber, ob der Kardinal der Richtige ist, sie umzusetzen. Homeyer ist der Vorsitzende des Treuhandausschusses, den die Bischofskonferenz eingesetzt hat, um den Schuldenabbau von 148 Millionen Euro zu überwachen. Diese Woche verabschieden die Leitungsgremien der Diözese den McKinsey-Plan zum Schuldenabbau, am Dienstag nach Pfingsten soll er öffentlich vorgestellt werden. Auf die Gemeinden kommen drastische Einschnitte zu, die der Kardinal verantworten muss.

Bei seinen Bühnenauftritten und dem Gang durch die Messehallen am Freitag wirkte Sterzinsky allerdings, als ginge ihn das gar nichts an. Er trug ein freundliches Lächeln im Gesicht, sprach viel über Ökumene und die friedliche Atmosphäre in der Stadt. Ein Reporter fragte den Kardinal, was man gegen die zurückgehende Religiosität in der Gesellschaft tun könne. „Der Mensch hat von Natur aus einen Hang zur Religiosität“, sagte Sterzinsky, „der Mensch hat von Natur aus sogar einen Hang zum Christentum.“

Manche im Bistum munkeln, das katholische Oberhaupt Berlins leide zunehmend an Realitätsverlust. Sterzinsky verbreite seit einigen Wochen, dass er der erste und einzige gewesen sei, der schon vor einem Jahr vor einer Katastrophe gewarnt habe. Außer ihm kann sich daran niemand erinnern. Vielen ist im Gedächtnis geblieben, dass es andere waren, die gewarnt haben, und dass notwendige Reformen an Sterzinskys Gutmütigkeit und mangelnden Durchsetzungsfähigkeit gescheitert sind. Auch jetzt würden wieder Mitarbeiter, die ihre Einrichtungen bedroht sähen, auf die Nachgiebigkeit des Kardinals setzen – möglicherweise mit Erfolg. Erst neulich habe Sterzinsky bei einer Versammlung wieder gesagt, die McKinsey-Beschlüsse, die jetzt getroffen würden, seien nicht das letzte Wort.

Auf der Bühne im Lustgarten wurde der Bischof gefragt, in die Haut von welcher biblischen Figur er gerne schlüpfen würde. „Josef“, sagte Sterzinsky, „weil es bestimmt interessant ist, wenn man für jemanden verantwortlich ist, von dem man nicht weiß, woher er kommt.“ Aber nur für einen Tag wolle er Josef sein. „Denn ich fühle mich sehr wohl, an der Stelle, an der ich bin. Und da will ich auch bleiben.“ Nächstes Jahr werde man sich beim Katholikentag wiedersehen, sagte Sterzinsky zu alten Freunden auf der Messe.

Ein Journalist von Radio Vatican sprach ihn dann doch auf die Finanzkrise an. „Wir haben einen Sanierungsplan, wir haben einen Sanierungsplan“, sagte Sterzinsky, winkte mit der Hand ab. Mehr nicht. So, als sei für ihn die Arbeit damit getan. Dann lächelte er wieder sein freundlich-gütiges Lächeln.

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