Berlin : Willy-Brandt-Haus zeigt Fotos aus DDR-Alltag

Lothar Heinke

Es war 1978 in der Schönhauser Allee. Ein Staatsbesucher wurde erwartet, die "Protokollstrecke" geschmückt, und auch die Geschäftsleute sollten ihren Teil dazu beitragen, dass dem Genossen aus Syrien warm ums Herz wurde, wenn er nach Niederschönhausen fuhr. Zum Beispiel dieser Obst- und Gemüseladen: Im Schaufenster hing die Staatsflagge schlaff über Kohlköpfen, und rechts und links zierten die Porträts des Staatsratsvorsitzenden und des syrischen Präsidenten die Auslagen. Über Assad stand "Feinfrost", über Honecker "Konserven".

Die unfreiwillige Komik wäre nie in den Rang einer zeitgeschichtlichen Miniatur gelangt, hätte sich nicht ein Fotograf damals der Sache angenommen und auf den Auslöser gedrückt. Dieses gemüselose Gemüseladen-Stillleben mit Staat war für Roger Melis eine Aufnahme wert. Natürlich wusste er, dass das Bild nicht einmal in der Kleingärtnerzeitung gedruckt wird, aber ihn hat die komische Situation gereizt, einfach so.

Nicht, dass das die DDR wäre, aber ein Teil oder Teilchen war es schon - wie viele der Szenen auf den 350 Fotos einer Ausstellung, die am heutigen Sonnabend um 18 Uhr von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Willy-Brandt-Haus eröffnet wird. "Deutschlandbilder II" nennt sich diese fotografische Spurensuche in der Alltagswelt eines verschollenen Landes, dessen Einfluss fortwirkt: "Mancher wird sich und sein Leben wiedererkennen, während andere, die neu zu uns in die Stadt gekommen sind, erfahren, wie es damals gewesen ist", sagt Gisela Kayser vom Freundeskreis Willy-Brandt-Haus, der die Schau mit schwarz-weißen Bildern (aber ohne schwarz-weiße Motive) initiiert hat.

Helga Paris lässt uns in zwei Porträtserien Berliner Jugendliche (1981) und Frauen an ihren Arbeitsplätzen im VEB Treff-Modelle, einem Textilbetrieb, erleben. Kurt Buchwald hat die Künstlerszene von Prenzlauer Berg verfremdet und beim "Landgang" Menschen und Dinge rund um Schloss Wiepersdorf in Beziehung gesetzt. Melis sieht den Alltag mit Achtung vor den Menschen; immer entdeckt der renommierte Porträtfotograf das Besondere im Wesen der Dinge - Details, Blicke, Gesten. Ein Feuilletonist mit Kamera. Harald Hauswald (Agentur Ostkreuz) fühlt sich mehr als Fotoreporter mit spannenden Szenen aus seiner DDR-Zeit, in der er gezwungenermaßen vorwiegend für Kirchenzeitungen tätig war. Schließlich sind die inzwischen verstorbenen Fotografen Albert Hennig mit Bildern aus dem Leipzig der 30er Jahre und Uwe Steinberg, Reporter der "Neuen Berliner Illustrierten" (NBI), mit Szenen aus der alten Alex-Markthalle von 1963 vertreten: Zehn Jahre nach dem Mauerfall führt die Schau zurück in fernes Leben, das durch die Bilder wieder allzu nah ist.Bis 26. September dienstags bis freitags 11 bis 18 Uhr, sonnabends 11 bis 13 Uhr.

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