Berlin : Wilmersdorfer Mützen

Eine machtvolle Demo für Pussy Riot sollte es werden – am Ende protestierten nicht mal zehn.

von
Stilecht. Drei junge Frauen kamen aus Solidarität zur Punkband Pussy Riot an den Hohenzollerndamm – sie blieben von Anfang an maskiert. Foto: dapd
Stilecht. Drei junge Frauen kamen aus Solidarität zur Punkband Pussy Riot an den Hohenzollerndamm – sie blieben von Anfang an...Foto: dapd

Nach nicht einmal 15 Minuten war alles vorbei. Eigentlich hatten sich 95 Demonstranten zur Solidaritätsdemonstration für die inhaftierten Mitglieder der russischen Band Pussy Riot vor der russisch-orthodoxen Kirche am Hohenzollerndamm verabredet. Am Ende waren es nicht einmal zehn. Doch die Organisatoren verbuchen die Aktion jetzt schon als Erfolg – und bekamen unerwartete Unterstützung.

Ihre blaue Wollmütze mit Löchern für Augen und Mund hat Maya über ihr Gesicht gezogen. In der Hand hält sie ein Miniradio aus dem kaum hörbar irgendwelche Musik spielt. Sie tanzt vor den Kameras etlicher Fotografen, hält Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand in die Höhe. Noch zwei Freundinnen hat sie mitgebracht, die in einem ähnlichen Aufzug an den kurzen Auftritt von Pussy Riot erinnern wollen. Die hatten in einer Kirche in Russland ein „Punkgebet“ gegen Putins Regierung gesprochen und waren dafür wegen „Rowdytums und religiösem Hass“ zu zwei Jahren Straflager verurteilt worden waren.

Davon sind die drei jungen Frauen um die 30 mit ihren Wollmützen weit entfernt. „Das ist kein Angriff auf die Gläubigen und wir wollen auch die Kirche nicht stürmen“, sagt Maya. „Wir sind hier aus reiner Solidarität und wollen Präsenz zeigen.“ Aufmerksamkeit haben sie erzeugt. Jedoch fast alleine. Nur vereinzelt stehen abseits einige interessierte „Demonstranten“, verkleidet haben sie sich nicht. So wie Allegra Stodolsky. Die 17-jährige Finnin hat Familie in Russland. Hier vor der Kathedrale möchte sie zeigen, dass auch den Leuten im Ausland die Ungerechtigkeit in Russland nicht egal ist, sagt sie.

Zwischen den jungen Frauen sticht einer besonders hervor: Richard Buchner. Der 72-Jährige hat in der Zeitung von der Aktion gelesen und stellt sich nun neben den Aktivistinnen den Fragen der Reporter. „Menschen für eine gewaltlose Aktion zu zwei Jahren Straflager zu verurteilen ist barbarisch“, sagt er. Eigentlich müssten viel mehr demonstrieren. „Aber die Leute haben Angst“, sagt Maya, bevor der Platzregen einsetzt und erst die Journalisten und schließlich auch die letzten verbliebenen Demonstranten verscheucht.

In einer nahegelegenen Bushaltestelle haben unterdessen einige Gemeindemitglieder der Kirche das kurze Spektakel beobachtet und sind gar nicht begeistert. „Warum demonstrieren die nicht vor der Botschaft?“ fragt eine verärgert. Die anderen nicken zustimmend. Tatsächlich wollen die Aktivistinnen auch vor der Botschaft demonstrieren. Kleinere Aktionen während der gesamten Haftzeit von Pussy Riot wollen sie veranstalten.

Über Twitter verbreitete sich nun die Nachricht, das zwei Mitglieder der fünfköpfigen Band sich ins Ausland abgesetzt hätten, um einer Verhaftung zu entgehen. Sidney Gennies

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar