Berlin : Wilmersdorfer Stiftungen: Der Bezirk als Erbe: Hilfe für Bedürftige

Cay Dobberke

Normalerweise hätte das Sozialamt dafür nicht gezahlt: Ein an Aids erkrankter und dadurch erblindeter Wilmersdorfer wünschte sich einen Blindenhund, damit er sein Leben weiterhin selbstständig führen könne. Der Antrag des jungen Mannes war jetzt trotz der allgemeinen Etatnöte erfolgreich - weil der Bezirk über ungewöhnlich hohe Stiftungsmittel aus Erbschaften verfügt.

Inklusive Immobilienwerten beträgt die Summe rund acht Millionen Mark. Das Grundvermögen wird nicht angetastet, doch aus Zinsen und Mieterlösen stehen in diesem Jahr 450 000 Mark zur Verfügung. Davon fließen 300 000 Mark ins Sozialressort, was einem Hundertstel des Etat-Titels "Allgemeine Sozialhilfe" entspricht. Die übrigen 150 000 Mark werden größtenteils im Jugendbereich genutzt.

Sozialstadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne) lobt die "großzügige Geste einiger wohlhabender Bürgerinnen und Bürger". Jährlich profitieren hunderte Bedürftige. So werden Tierarztrechnungen übernommen, wenn Senioren die Behandlung ihrer Hunde oder anderer Haustiere nicht zahlen können. Ausgeschlossen sind Kampfhundehalter, aber bei diesen handelt es sich ja auch nur selten um ältere Menschen.

Manchen Wilmersdorfern ermöglichen die Gelder kleine Reisen zu Verwandten. Es gibt Dampferfahrten und Ostsee-Ausflüge für Bürger mit psychischen Erkrankungen sowie Erholungsreisen für schwer kranke Menschen. Senioren, deren Rente nur knapp über dem Sozialhilfesatz liegt, bekommen in Einzelfällen einen Zuschuss zur BVG-Monatskarte. Ferner gewährt man Zuzahlungen für Hörgeräte, die besser als die von Krankenkassen finanzierten Modelle sind, sowie Deutschkurse und gebrauchte Fahrräder oder Fernseher. Ehrenamtlich tätige Verbände wie der Bund der Hirngeschädigten und das Sozialwerk Berlin erhalten Zuschüsse, mit denen Weihnachtsfeiern und Suppenküchen für Obdachlose unterstützt werden.

Die gute Finanzlage der Stiftungen führt die Sozialstadträtin auf den "geographischen Glückfall" zurück, dass es in Wilmersdorf schon immer einen hohen Anteil wohlhabender Bürger gab. Der Bezirk ist unter anderem Alleinerbe des Operettenkomponisten Leon Jessel ("Schwarzwaldmädel"), der 1942 an den Folgen nationalsozialistischer Haft starb. 26 Jahre später stiftete seine Witwe das Vermögen inklusive der Aufführungsrechte.

Zum Teil ist der ursprüngliche Widmungszweck entfallen. Waisenkinder etwa "gibt es bei uns so nicht mehr", sagt Martina Schmiedhofer. Das Geld werde anderweitig im Jugendbereich verteilt. Die Gemeinnützigkeit bleibe aber gewahrt; Etatlöcher dürften nicht gestopft werden.

Der einzige Wermutstropfen liegt darin, dass seit längerem keine Stiftungen mehr hinzugekommen sind. Gespendet werde nun eher für "Zwecke jenseits der staatlichen Organisationen", meint die Stadträtin.

Nach der Bezirksfusion werden auch Charlottenburger von den Erbschaften profitieren können. Bisher verfügt Charlottenburg nur über 600 000 Mark an Stiftungsvermögen, das jährlich 11 000 Mark Zinsen erbringt.

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