Berlin : Wind stinkt nicht

Die Stadtgüter könnten für ein eigenes Stadtwerk einen Beitrag leisten. Ihr Chef Peter Hecktor will dort mehr regenerative Energie erzeugen. Ein Besuch.

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Frischer Wind. Auf dem Gelände der Berliner Stadtgüter in Brandenburg sollen noch mehr Windparks wie hier in Wilmersdorf entstehen. Nicht alle freut das. Foto: Sidney Gennies
Frischer Wind. Auf dem Gelände der Berliner Stadtgüter in Brandenburg sollen noch mehr Windparks wie hier in Wilmersdorf...

Der Gestank des nahen Klärwerks hängt in der Luft. Er überdeckt ein wenig den Duft einer möglichen energetischen Zukunft Berlins. Peter Hecktor, Chef der Berliner Stadtgüter, steht am Rande eines Pappelfeldes. In ein paar Jahren soll man es ernten können, erklärt er. Abholzen, zu Pellets verarbeiten und verheizen. Erneuerbare Energie also. Es ist eine Möglichkeit, die 16 000 Hektar Liegenschaften, die Berlin in Brandenburg besitzt, zu nutzen. In der Ferne drehen sich einige Windräder. Noch so eine Idee, die Hecktor gern vorantreiben würde. Ökostrom für Hunderttausende in Berlin stellt er sich vor. Doch was mit den Flächen wirklich passieren soll, entscheidet der Senat. Und was der plant, ist noch nicht bekannt.

Eigentlich, so muss man es sich vorstellen, steht Hecktor auf einer riesigen stillgelegten Klärgrube. 1870 hatte Berlin begonnen, landwirtschaftliche Güter im Umland zu kaufen. Die Einwohnerzahl war extrem gestiegen, das Abwasser musste entsorgt werden, damals noch auf Rieselfeldern. Der sandige Boden sollte das Abwasser filtern. Heute kippt Berlin sein Abwasser nicht mehr einfach in Brandenburg ab, auf den Rieselflächen steht ein Klärwerk. Das erklärt den Gestank, löst aber nicht mehr die Probleme, die damals geschaffen wurden. Die Flächen sind verseucht, mit Giftstoffen und Schwermetallen, die über Jahrzehnte in den Boden gespült wurden. Landwirtschaft ist auf gut einem Drittel der Flächen nicht möglich.

In einem Gutachten zu Nutzungspotenzialen der Stadtgüter rechnet die landeseigene GmbH vor, auf dem Gebiet könne regenerative Energie für 775 000 Menschen erzeugt werden. Mit Fotovoltaikanlagen, Biomasse, die hier erzeugt wird, und Windparks. Schon jetzt speisen 28 Windräder dort insgesamt 62 Gigawattstunden ins Netz ein. Hecktor hält diese Nutzung für wirtschaftlich. Studien dazu werden aber erst in den nächsten Wochen fertiggestellt. Bis dahin wirbt er parteiübergreifend für seine Idee. Denn die Stadtgüter sind nicht nur in Wahlkampfzeiten ein Politikum.

Auch die grünen Energieexperten im Abgeordnetenhaus Michael Schäfer und Andreas Otto begleiten ihn auf seiner Tour durch die Stadtgüter. Nicht alle Flächen sind verseucht. Auch das Naturschutzgebiet Schönerlinder Teiche gehört dazu. Hier wurde früher Klärschlamm gelagert. Jetzt tummeln sich hier Wildpferde, Ochsen und seltene Wasservögel. „Ein Naherholungsgebiet für Berlin“, sagt Hecktor. Stimmt. Und vor allem unverzichtbar für Berliner Bauprojekte. „Sie legen in der Stadt keinen Ziegel mehr auf den Boden, ohne dass sie Ausgleichsflächen renaturieren“, sagt Hecktor. Der bevorstehende Ausbau von Tempelhof wurde etwa über die Stadtgüter abgefangen. „Die Ausgleichsflächen, etwa für Vogelschutzgebiete hier, sind genauso wichtig wie das Bauland in der Stadt“, meint Hecktor.

In Schäfer und Otto hat er aber aus anderen Gründen Verbündete gefunden. Die Grünen wünschen sich ein Berliner Stadtwerk, das nicht nur Energie verwaltet, sondern auch selbst erzeugt. Am 3. November läuft dazu der Volksentscheid Berliner Energietisch. „Im Kern wird es bei dieser Abstimmung darum gehen, ob wir ein Stadtwerk haben wollen“, sagt Schäfer. Die Grünen brachten dazu am Mittwochabend erstmals ein Konzept auf dem Parteitag des Landesverbandes ein. 500 Millionen sollen in das Stadtwerk über vier Jahre investiert werden. Energie erzeugen soll es einerseits. „Andererseits brauchen wir eine Institution, die aus eigenem wirtschaftlichen Interesse die Energiewende vorantreibt“, sagt Otto.

Fasziniert betrachtet er den 52 Meter langen Flügel eines Windrades, der im Windpark Wilmersdorf auf einer Baustelle liegt. Gleich daneben entsteht einer der 180 Meter hohen Türme. Im September könnten die Bauarbeiten fertig sein. 30 Räder sind dann abgebaut. 18 neue dafür aufgestellt – und produzieren sechsmal so viel Energie. Die Stadtgüter, so will es Hecktor, könnten wieder einen Beitrag leisten. Bei allem Schlechten, das man über Windräder sagen kann – anders als die Klärgruben, für die die Stadtgüter einst gedacht waren, stinken sie nicht.

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