Berlin : Windschutz mit Flachbildschirm

In Heringsdorf bauen Spezialisten Strandkörbe mit technischen Raffinessen

Heringsdorf - Seit 126 Jahren gibt es Strandkörbe, jetzt aber erleben sie eine Revolution: Hightech hält Einzug in diesem Utensil, das einst nur vor der frischen Ostseeluft schützen sollte – Modelle mit Sitzheizung, CD-Player oder i-Pod-Anschluss sind im Angebot. Lange Zeit haben Tüftler aus Heringsdorf zum Beispiel nach einer passenden Stelle für einen Fernsehbildschirm gesucht – und sich schließlich für die obere Kante des Korbes hinter der Markise entschieden. Wer will, kann sich künftig in bequemer Sitz- und Liegestellung einen Fernseher zurechtdrehen.

„Wir haben uns von der Vorfreude auf die Fußball-EM anstecken lassen“, sagt Jan Müller, Geschäftsführer der 1925 in Wolgast gegründeten und seit 1933 in Heringsdorf ansässigen Strandkorbmanufaktur. Für die Sandstrände an Ost- und Nordsee kommt der Fernseh-Strandkorb zwar nicht infrage. Dafür ist die Technik zu empfindlich. Doch das ist für die Heringsdorfer kein Problem. 70 Prozent der Jahresproduktion von 5000 bis 7000 Körben gehen nämlich ins Binnenland. Mit Lieferungen für Terrassen, Gärten, Balkons sowie Strandbars machen die Spezialisten das Hauptgeschäft.

Die Nachfrage an der Küste macht längst nicht mehr den Großteil der Bestellungen aus. Bei einer durchschnittlich zehnjährigen Nutzungsdauer hält sich der Bedarf der Seebäder in Grenzen. Lediglich Neueröffnungen von Hotels, die ihren Gästen eigene Strandkörbe bieten wollen, führen noch zu größeren Aufträgen.

So zählen die Kunden im Binnenland zu den wichtigsten Auftraggebern – und sie können sich auch einen 220-Volt-Anschluss oder Ausführungen mit Massagemöglichkeiten im Sitz- und Rückenbereich, Kühlschrank oder Minibar bestellen. Dafür muss man allerdings mitunter einige Tausender auf den Tisch legen. Eine einfache Strandkorbausführung kostet ab 600 Euro, je nach Modell können daraus bis zu 6000 Euro werden. Die Fernsehvariante zum Beispiel kostet 4500 Euro.

Versuche der 36 Mitarbeiter zählenden Manufaktur, den Strandkorb auch in Spanien, Frankreich, Italien oder den USA zu verkaufen, hatten bislang nur wenig Erfolg. „Er ist und bleibt eben eine deutsche Erfindung“, erklärt Geschäftsführer Jan Müller die Zurückhaltung im Ausland. Ein Heringsdorfer Strandkorb erfuhr im Vorjahr allerdings weltweite Berühmtheit. Zum G-8-Gipfel in Heiligendamm setzte sich die Bundeskanzlerin mit ihren Staatsgästen medienwirksam in ein sechs Meter breites Unikat. Das ist inzwischen für rund eine Million Euro für die Aktion „Ein Herz für Kinder“ versteigert worden. Ste.

Donnerstags findet in der Strandkorbmanufaktur um 10 Uhr eine Werksführung statt, Tel. 038 378 / 46 50 50.

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