Berlin : Winfried Greschke (Geb. 1935)

„Man kann über alles reden, außer über einsdreißig“

Thomas Loy

Ungeduldig war er wohl, aber er war auch von einer Zähigkeit, die weit über das Ende seiner Geduld hinausreichte. Die Partei jedenfalls konnte sich auf Winfried immer verlassen.

Einmal im Monat ist in der SPD-Unterabteilung Zehlendorf-Süd, eine der zigtausend Mikrozellen im großen nationalen Parteiorganismus, ordentliche Abteilungsversammlung. Ein Referent trägt vor, danach diskutieren die Genossen. Um rege Teilnahme wird gebeten. Winfried, den alle Genossen Winnie nannten, hat nie unentschuldigt gefehlt. Er war der „Einsdreißiger“, ein chronometrisch geschulter Debattenaufseher ohne Mandat. Sein Ordnungsruf lautete: „Man kann über alles reden, außer über einsdreißig“ – also eine Minute, 30 Sekunden. Es sei schließlich alles schon gesagt, nur nicht von jedem. Dem Diktum folgte fast immer Heiterkeit, selten Widerspruch.

Beim „Weißen Heinz“, einem informellen politischen Gesprächskreis, benannt nach dem Schauspieler und Genossen Heinz Giese, wurden die anstehenden Themen vertieft. Das geschah in der Regel im Restaurant „Kreta“ bei Käse, Oliven und Wein, einem griechisch-kulinarischen Grundwerteprogramm, dem Winnie bedingunslos anhing.

Im Dezember würde er, lebte er noch, die Zahl seiner Lebensjahre in der Partei auf 50 runden. In dieser langen Zeit war er einmal Schriftführer und einmal Kreisdelegierter. An ein weiteres Amt kann sich keiner seiner politischen Weggefährten erinnern. Als Schriftführer war Winnie eine Enttäuschung. Im Abteilungsvorstand wurde der Begriff der „geheimen Schriftführung“ geprägt. Winnie machte sich zwar Notizen bei den Versammlungen, legte aber nie ein Protokoll vor. Ohne amtlichen Parteiauftrag knipste er dagegen 100 Fotoalben voll. Aufnahmen mit Beweiskraft zur Identifikation der Teilnehmer zahlloser Mitgliedertreffen, Dampferfahrten, Betriebsbesichtigungen, Lesungen, Sommerfeste und Wahlkampfveranstaltungen. Neben den Fotos kleben Zeitungsausschnitte und Tagesordnungen. Das reiche Familienleben einer SPD-Unterabteilung. Winnie war einer der besten Bildführer der deutschen Sozialdemokratie.

So eine Parteimitgliedschaft lässt sich eben auch als eine endlose Kette von geselligen Zusammenkünften begreifen, und Winnie konnte – bei aller gebotenen Ernsthaftigkeit in der politischen Auseinandersetzung – keinem böse sein, nur weil er eine irrige Meinung vertrat. Er hatte den „Scheidebecher“ erfunden, den letzten Umtrunk, der einen Ausflug im Parteifreundeskreis oder eine ordentliche Abteilungsversammlung mit leicht erhöhtem Adrenalinspiegel schonend ausklingen ließ. „Na, versöhnen wir uns wieder?“, prostete Winnie ins gegnerische Lager.

Worüber er sich nicht beruhigen konnte, das waren Biergärten mit Plastikbestuhlung.

Das Berufliche harmonierte mit dem Parteilichen, auch wenn er beides nach außen sorgfältig trennte. Winnie war Diplomverwaltungswirt, hatte – ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen – Karriere gemacht im Berliner Nachkriegssenat. Zuerst war er für die Krankenhäuser zuständig, dann für den Katastrophenschutz, später kümmerte er sich um das Tarifrecht im Öffentlichen Dienst. 13 Innensenatoren als Dienstherren zählte er bis zur Pensionierung, mit den Herren Heckelmann und Lummer von der CDU verband ihn eine herzliche Abneigung.

Gerne schwomm Winnie ein wenig gegen den Strom (soweit sich dieses Bild an der träge fließenden Spree orientierte), seine „verbale Tendenz zum zivilen Ungehorsam“, so beschreibt es ein Genosse, blieb meist ohne tätliche Konsequenz, abgesehen von den Demonstrationen, an denen Winnie teilnahm.

Zur Prüfung als Anwärter für den Öffentlichen Dienst im Jahr 1953 hatte er ausgerechnet am 20. April antreten müssen, „Führers Geburtstag“. Der Prüfer, offenbar ein nicht ganz überzeugter Demokrat, verlangte, der Aspirant möge den Text des Deutschlandliedes hersagen, auch die erste Strophe. Winnie verweigerte nicht, er interpretierte zeitgemäß: „Deutschland, Deutschland, ohne alles, ohne alles in der Welt.“ Der Prüfer war entsetzt und verweigerte die Herausgabe des Zeugnisses. Winnie sollte aus dem Dienst entlassen werden, aber er wehrte sich, bot auf, was das damalige Personalrecht hergab. Ein guter Anlass, in die Gewerkschaft einzutreten.

Ein eigenes Auto hat Winnie nie besessen. Er hatte immer genug Freunde, die ihn mitnahmen ins Lauenburgische oder in den Harz, später ins Brandenburgische oder ins Riesengebirge. Weiter weg zog es ihn gar nicht. Als Sozialdemokrat vom alten Schlag sang er das Hohelied auf den öffentlichen Nahverkehr. Gegen den Trend, Mieter zu Wohnungseigentümern zu machen, wehrte er sich lange, bis er selbst sein Reihenhäuschen erstand, widerwillig dem Zeitgeist und gut gemeinten Ratschlägen folgend.

Am Telefon meldete sich Winnie gerne mit „Greschke, daselbst“. Er mochte es, wenn die Leute verdutzt reagierten. Ein Freund erinnert sich an eine Szene in der Straßenbahn. Ein Mann neben ihnen nahm ein Handygespräch an, sagte: „Ich höre“, darauf Winnie laut: „Wir auch!“ Der Mann beendete das Gespräch sofort.

Später, als er schon schwerkrank war, Krebs, waren seine kleinen Telefon-Kalauer ein wirksames Mittel gegen Trübsinn und Selbstmitleid. „Gesellschaft für sozialverträgliches Frühableben, Gresch- ke, Sie wünschen?“ Thomas Loy

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