Berlin : Winfried Neise (Geb. 1938)

„Wir wollten es einfach besser haben“.

Judka Strittmatter

Die gute Arbeit war das Wichtigste." So hört es sich an, wenn ein Freund sich erinnert, wenn Joachim Stenzel an Winfried Neise denkt, der nun verstorben ist. Ein ganzes Leben passt in einen solchen Satz, ein Glücksgeheimnis.

Winfried Neise wurde erwachsen, als Deutschland sich anschickte, Wirtschaftswunderland zu werden. Von Sandersdorf bei Bitterfeld nach New York, vom mittellosen Jungen zum Prokuristen eines internationalen Versicherungskonzerns – solche Geschichten waren möglich. „Der Hunger hat uns motiviert“, sagt Freund Stenzel, „wir wollten es einfach besser haben“.

Bei Borsig am Tegeler See beginnt die lange Freundschaft Neise-Stenzel. Die Jungs sind Praktikanten, müssen hart ran – und schwänzen auch manchmal, weil sie sich lieber sonnen oder mit dem Ruderkahn des Hafenlotsen ausbüxen. Auch Flusskrebse fangen mit selbst gebogener Schweißdrahtangel ist eine willkommene Alternative zur Schufterei. Bei einem Ausflug erfahren sie: Auch ihr Ausbilder zieht die Sonne der dunklen Werkhalle vor.

Nach Borsig absolvieren die Freunde die Ingenieursschule Beuth Berlin, Bierkästen schleppen bei Schultheiß ist Winfried Neises Nebenjob. Und dann die erste Festanstellung bei Telefunken, und endlich Geld da und der Anfang für ein gutes Leben. Winfried Neise kauft einen VW, gebraucht. Mit Freund Joachim geht’s auf erste Reisen, Zelten auf Korsika. Und: Tanzen im „Palais am Funkturm“, wo die anständigen Mädels sind. Um die rangeln sich die Freunde nie, wohl aber darum, wer die Fahrt übernimmt am Abend. „Wer nicht fuhr, der konnte auf dem Rücksitz knutschen“, berichtet Herr Stenzel.

Sein Freund verliebt sich unsterblich in Gaby, die erst 16 ist, er Anfang 20. Auf dem Verlobungsfoto hält er zum Spaß und hinterrücks einen Schlappen über den Kopf des Bräutigams. Pantoffelheld ist der hingegen nie.

Die jungen Neises leben elegant und kultiviert, werden Charlottenburger, Gaby Neise modelt und wird Lehrerin, Sohn Patrick 1974 geboren. Aus dieser Zeit gibt es Schwarz-Weiß-Bilder in alten Alben, zwei junge Paare im Sixties-Chic amüsieren sich, Silvester, Papierschlangen und Feuerzangenbowle.

Der nächste Aufstieg bringt ihn nach München, zur „Münchener Rück“. Und schließlich geht es nach New York, zehn Jahre insgesamt. Winfried Neise nutzt seine Chancen, die Familie hat er hinter sich, Berlin hingegen aufzugeben, fällt ihm schwer. Doch die Verbindung zu den Stenzels bleibt.

Die wiederum fahren auch gerne nach New York, verbringen ihren Urlaub im Wohn-Vorort der Neises, Scarsdale. Und bekommen einen Lebenswunsch erfüllt: Einmal in die Metropolitan Opera. Zu Carmen von Bizet. Großzügigkeit, auch eine Seite Winfried Neises.

Zurück in Deutschland, verwirklicht er einen lang gehegten Wunsch: den Vater suchen, gefallen in der Nähe von Staraja Russa bei Nowgorod. Wenigstens den Ort seines Sterbens. Er nimmt mehr als ein Jahr lang Russisch-Unterricht, findet in Staraja Russa eine hilfreiche frühere Deutsche, mit dem Bruder, dessen Frau und Gaby geht es 2006 im Passat Richtung Osten. Doch den Friedhof und das Grab finden sie nicht, nur wild sprießende Brachen.

Von Winfried Neises Todesanzeige schaut ein eleganter, weißhaariger Herr. Ende 2006 stirbt seine Gaby, plötzlicher Herzstillstand. Lange hält er es ohne sie nicht aus, er folgt ihr Anfang dieses Jahres. Mit Freude und Stolz im Herzen, dass Sohn Patrick und seine Frau Susanne ihn zum Großvater gemacht haben. Und der Sohn wenige Tage zuvor noch promovierte. Judka Strittmatter

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