Berlin : Winnetou, der Haremshäuptling

Der Blutbrustpavian ist der einzige Grasfresser unter den Primaten. Im Tierpark lebt gleich eine ganze Horde

Heidemarie Mazuhn

Das wilde Berlin fängt gleich hinter der nächsten Ecke an – Zoo und Tierpark laden zur Expedition ins Tierreich ein. Der Tagesspiegel hat sich schon mal auf Erkundungstour begeben und stellt die Stars aus beiden Tiergärten vor.

Wenn „Winnetou“ seine Oberlippe so weit hochzieht, dass das rosa Zahnfleisch sichtbar ist, sollte sich seine Umgebung vorsehen. Im Augenblick sitzt er aber eher gelangweilt auf einem Brett hoch droben rum und kratzt sich die mächtige nackte Brust. „Der macht sich ja zum Affen“, stellt eine junge Besucherin vor der gläsernen Wand fest, hinter der im Tierpark der Blutbrustpavian „Winnetou“ mit seinem Harem lebt. Vier männliche und fünf weibliche Dscheladas, wie diese Tiere aus Äthiopien auch genannt werden, gehören zu „Winnetous“ Harem, zwei davon sind seine Weibchen, alle anderen seine Kinder.

Der 1988 geborene aktuelle Chef der Dscheladas kam 1992 aus dem Tierpark Rheine nach Friedrichsfelde. Warum man ihn in Rheine „Winnetou“ nannte, weiß hier niemand. In seinem Berliner Zuhause im 2000 eröffneten Affenhaus reicht das mimisch ausdrucksstarke Hochziehen der Oberlippe als äußerste Drohgebärde meist aus, um die Ordnung im Harem aufrecht zu erhalten – Blutbrustpaviane sind eher friedlich. Zu ihrem Namen kamen sie durch ihr „blutendes Herz“ – so erscheint einem der rote Hautfleck auf ihrem nackten Brustfeld. Das färbt sich je nach sexuell oder anders erregtem Zustand mehr oder minder rot. Präsentieren sich die Weibchen intensiv dunkelrot, ist das für die Männer besonders attraktiv. Ansonsten lieben die scheuen und sensiblen Tiere die Ruhe – bei jedem ungewohntem Geräusch rennen sie aufgescheucht davon. Da melden sich die Tierpfleger vorher immer mit einem lauten „Hallo“ an.

„Winnetou“ tobt sich am liebsten bei der Morgenwäsche aus. Als Chef darf er immer als Erster im rückwartigen Teil des Affenhauses „anbaden“– wenn es seine Weiber erlauben. Nach deren Launen muss sich auch ein Haremsboss richten. Wollen sie nicht raus, muss er auch im Becken bleiben – schließlich ist es seine Aufgabe, die Truppe zusammenzuhalten. Da kann man auch schon mal sauer werden. Und wenn einem dann auch noch unentwegt Besucher anstarren, gibt es für „Winnetou“ nur eines: Attacke!

Wie wild springt er da gegen die Glaswand im Affenhaus, um die störenden Glotzer davor zu verscheuchen. Dass der oberste Friedrichsfelder Blutbrustpavian sich abreagiert, zeigen die Scheiben am Käfig. Die sind schlimmer zerkratzt als die Fenster so mancher Berliner Straßenbahn. Werkzeug braucht „Winnetou“ dazu nicht – um sich in ihrer äthiopischen Heimat an Felsen festzukrallen, besitzen Dscheladas lange Fingernägel und Zehen.

Im Tierpark macht „Winnetou“ noch ein besonderer Konkurrent zu schaffen – er selbst. Kann er doch sein eigenes Spiegelbild nicht einordnen und schlägt wütend nach dem vermeintlichen Nebenbuhler, wenn er ihn im Wasser erblickt.

An diesem Tag aber regt ihn reineweg nichts auf – noch immer sitzt er stoisch auf seinem Brett hoch oben und kratzt sich hier und dort. Ob er wohl Flöhe hat – „das ist Verlegenheit“, weiß es Tierpflegerin Monika Hempel besser. Vielleicht langweilt er sich auch – seine Weiber haben augenblicklich mehr mit ein paar Möhren als mit ihm im Sinn.

Daheim würden sie den ganzen Tag auf ihrem Hinterteil rumsitzen und grasen. Blutbrustpaviane sind die einzigen Grasfresser unter allen Primaten. An ihr äthiopisches Menü von Grassamen, Wurzeln und Gräser hat sich ihr Verdauungstrakt dabei so angepasst, dass sie sterben würden, bekämen sie auf Dauer zum Beispiel nur noch Süßkram wie Bananen zwischen die Finger.

Im Tierpark gehören Heu, Getreidekörner und Gemüse zur bekömmlichen Ersatznahrung des Harems von „Winnetou“. Der dreht der Welt an diesem oberaffenlangweiligen Wochentag inzwischen ganz den Rücken zu.

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