Winter in Berlin : Eisige Erfahrung: Wie Berlin mit dem Winter kämpft

Tag und Nacht ist es bitterkalt: Was den Berlinern zu schaffen macht und wie sie sich zu helfen wissen.

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Fotos: ddp (2), Imago, Gabriele Baertels

Rutschgefahr. Die droht bei Glatteis nicht nur Autofahrern, sondern auch Fußgängern. Weitaus mehr Knochenbrüche etwa werden diesen Winter zum Beispiel im Virchow-Klinikum in Wedding behandelt. „Das Problem ist, dass die Glätte so lange anhält“, sagt Tobias Lindner, Oberarzt in der chirurgischen Rettungsstelle. Irgendwann müssten die Leute zwangsläufig raus. Besonders häufig wurden in der Ambulanz bisher Brüche der Hand- und Sprunggelenke behandelt, aber auch Hüftgelenksfrakturen und Verletzungen an der Wirbelsäule. Unter den Patienten seien keinesfalls nur ältere Menschen, sondern auch Studenten, die schnell zur Bushaltestelle rennen. Was man bei diesem Wetter auf keinen Fall tun sollte? Fahrrad fahren, sagt Lindner. Und wenn doch, dann nur mit Helm.

Fische in Luftnot. Das Eis aufzuhacken ist die einzige Maßnahme, die den Fischen im Lietzensee derzeit hilft. In dem flachen See ist, wie berichtet, zu wenig Sauerstoff vorhanden, das Eis verschließt ihn schon zu lange, bestätigt das Fischereiamt. Hinzu kommt, dass es darunter durch den gefrorenen Schnee dunkel ist, Plankton also keinen Sauerstoff produzieren kann. Eine anständige Fotosynthese braucht eben Licht. Durch das Loch in der Eisfläche können die Fische atmen. Regelmäßig führt das Fischereiamt derzeit Sauerstoffmessungen in den Berliner Gewässern durch und zurzeit, sagt Fischereibiologe Jens Puchmüller, gibt es außer im Lietzensee keine Probleme für Berlins Fische.

Spaziergang auf dem Eis. Für Schlittschuhläufer, Eishockeyspieler und alle anderen Eissportler sind die Berliner Gewässer von Wasserschutzpolizei und Bezirksämtern nicht freigegeben. Dass sich derzeit trotzdem viele aufs Eis wagen, geschieht auf eigenes Risiko – und zum eigenen Vergnügen. Allerdings besitzen einige Gewässer schon eine 20 Zentimeter dicke Eisschicht, laut Wasserschutzpolizei Spandau etwa die Krumme Lanke. „Die Dicke wird sogar noch zunehmen“, heißt es. Die kann aber variieren, wenn die Sonne scheint oder Wasser zufließt. Deshalb gilt: größte Vorsicht.

Pflanzen im Winterschlaf. „Bloß nicht den Schnee auf den Pflanzen im Garten oder auf dem Balkon beseitigen“, sagt Volker Jacob, Gärtner und Betriebsleiter des Botanischen Gartens. „Der wirkt wie eine natürliche Dämmschicht.“ Auch gegen zu viel Sonneneinstrahlung, denn die mögen Nadelbäume am wenigsten. Sein Tipp: Schilfmatten aus dem Baumarkt als „Mäntelchen“ verwenden. Gehölzen und Stauden, die nicht gerade aus der Mittelmeerregion stammen, macht der Dauerfrost eigentlich nichts aus. Tannenreisig als zusätzlicher Schutz um die Wurzeln könne nicht schaden. Kübelpflanzen sollten längst eingepackt sein – rund um den Topf. Die leiden erst, wenn durch Tauperioden Feuchtigkeit in den Untergrund sickert.

Rohr frei. Die meisten Anfragen bekommen die Wasserbetriebe derzeit wegen eingefrorener Wasserleitungen, sagt Sprecher Stephan Natz. Wer einen Zählerschacht im Garten hat, sollte eine Styroporplatte unter den Deckel legen oder Dämmmaterial wie etwa Lappen um den Wasserzähler wickeln. Wer den Anschluss im Keller hat: Unbedingt auf dichte Kellerfenster achten. Ist die Leitung eingefroren, kann man sie mit einem Heizlüfter auftauen. „Aber nicht zu nah dranstellen“, sagt Stephan Natz. „Sonst reißt es das Rohr oder den Zähler auseinander.“ Die öffentlichen Leitungen unter dem Asphalt seien sicher. Die sind mindestens 1,50 Meter in frostfreier Tiefe verlegt. Rohrbruchzeit ist erst, wenn es taut.

Klettern an der Haltestelle. Vor vielen der knapp 6500 Bushaltestellen der BVG türmen sich immer noch Eisberge. Die BVG will nun die Ordnungsämter mit Beschwerden bombardieren, kündigte BVG-Sprecherin Petra Reetz gestern an. Wer den Schnee oder das Eis entfernen muss, ist berlintypisch kompliziert geregelt. Liegt die Haltestelle zwischen dem Bordstein und dem Haus, ohne dass es einen Radweg gibt, ist der Hauseigentümer auch für die Haltestelle zuständig. Befindet sich die Haltestelle dagegen zwischen dem Bordstein und einem Radweg, ist es Sache der BSR, zu räumen.

Die geheizte U-Bahn. Egal, wie kalt es an der Oberfläche ist: Die U-Bahnen werden auf 15 Grad erwärmt. Die Fahrer können die Temperatur manuell nicht höher stellen. Mehr Wärme bringen nur die Fahrgäste mit, heißt es bei der BVG. Würden Züge mehr geheizt, werde es zu warm. Extrem kalt sind derzeit viele Bahnhöfe. Die Möglichkeiten für Obdachlose, dort zu übernachten, werden kaum genutzt. Im Bahnhof Hansaplatz waren es zuletzt vier Übernachter, am Südstern blieb ein Obdachloser und niemand wollte in der Station Schillingstraße nächtigen.

Gemütliches Heim. Ob es nun minus zehn oder gleich minus zwanzig Grad kalt ist – für die Berliner Energieversorger Vattenfall und Gasag macht das keinen Unterschied mehr. „Der Höhepunkt ist erreicht“, sagt Klaus Haschker von der Gasag. Derzeit heizen die Gasag-Kunden etwa 50 Prozent mehr als bei Temperaturen um null Grad, ohne Rücksicht auf die Kosten. „Dabei“, sagt Haschker, „bedeutet nur ein Grad geheizte Wärme weniger schon sechs Prozent weniger Kosten.“ Sein Tipp im eisigen Winter: vernünftig lüften. Lieber ein paar Minuten richtig anstatt das Fenster stundenlang zu kippen. Hannes Hönemann von Vattenfall empfiehlt, nachts auf geöffnete Fenster zu verzichten und Rollläden herunterzulassen.

Gut gefettet. Feuchtigkeitscreme fürs Gesicht, Lotion für den Körper? „Momentan genau das Falsche“, sagt Gabriela Kieselbach, Leiterin der Berufsfachschule für Kosmetikerinnen. Je fetthaltiger die Creme, desto besser. „Fluids oder Ampullen polstern die Haut mit Feuchtigkeit auf, das verursacht bei der Kälte Gefäßschäden. Die Äderchen platzen, das kann bleibende Folgen haben.“ Übrigens stresst die Haut am meisten der ständige Wechsel von warmer Heizungsluft drinnen und sibirischer Kälte draußen. Wer sich eine Ganzkörperpflege gönnen will, sollte das vor dem Schlafengehen tun. „Ab 22 Uhr beginnt die Haut, sich zu regenerieren“, sagt Gabriela Kieselbach. Für Sonnenhungrige gilt: Wer ins Solarium geht, macht es trockener Haut noch schwerer.

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