Winter in Berlin : Vom Eise befreit ist kaum was

Das Eis will nicht weichen, die Gefahr auf vereisten Gehwegen auch nicht. Seit sechs Wochen stolpern und rutschen wir nun durch Schnee und Krusten. Die noch schlechtere Nachricht dazu von den Meteorologen: Da zumindest bis Mittwoch Dauerfrost angesagt ist, ändert sich nichts.

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Betreten auf eigene Gefahr. Wer zu Fuß heil durch die Stadt kommen will, muss noch immer Schneeberge und Eisflächen bewältigen....

Das Eis will nicht weichen, die Gefahr auf vereisten Gehwegen auch nicht. Seit sechs Wochen stolpern und rutschen wir nun durch Schnee und Krusten. Die noch schlechtere Nachricht dazu von den Meteorologen: Da zumindest bis Mittwoch Dauerfrost angesagt ist, ändert sich nichts. Der Sozialverband Deutschland forderte nun die Hauseigentümer dazu auf, Gehwege endlich zu räumen. Der Sozialverband vertritt Rentner, Patienten und Behinderte – für die es derzeit besonders gefährlich oder sogar unmöglich ist, sich draußen zu bewegen. Die Folgekosten von Unfällen würden schwerer wiegen als die Kosten für kurzfristig bereitgestellte Schneeräumkräfte, teilte der Verband mit – doch der Appell der Funktionäre dürfte ebenso ungehört verhallen wie die Klagen der Postboten. Vereiste Gehwege sind deren Hauptarbeitsplatz, das stundenlange Schieben schwerer Karren oder Fahrräder schlauche ungemein, sagte eine Angestellte der gelben Post.

Im Unfallkrankenhaus Marzahn waren in den vergangenen Tagen die Hälfte der täglichen 120 bis 140 Ambulanz-Patienten Glätteopfer. Gestern stiegen die Zahlen noch einmal drastisch an. Rund 100 gestürzte Patienten kamen in die Unfallstelle, 50 von ihnen mussten wegen komplizierter Brüche operiert werden. „Betroffen sind keineswegs nur ältere Menschen, sondern alle Altersgruppen“, sagt Sprecherin Esther Heyer.

Winter in Berlin
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22.02.2010 13:26Die Straßen sind bedeckt vom Schnee. -


Nur vereinzelt ist vor Grundstücken der Bürgersteig „bis auf die Platte geputzt“, wie das im Räumgewerbejargon heißt. Die Arbeit ist kräftezehrend: In der Regensburger Straße in Wilmersdorf benötigte ein Hausmeister gestern vier Stunden für gut 20 Meter, um mit einem Pickel das Eis wegzuhauen. Doch diese Arbeit ist nicht mehr vorgeschrieben, und zwar seit den 80er-Jahren nicht mehr, wie es beim Haus- und Grundbesitzerverband heißt. Schnee sei nur so zu fegen, dass man nicht mehr versinke, Glätte müsse mit Splitt oder Sand abgestumpft werden – mehr muss nicht sein. Doch erstmals seit dieser Gesetzesänderung spürt Berlin die Folgen über Wochen.

Durch das Tauwetter der vergangenen Tage hat sich die Situation noch verschärft: Was am Tage zu Wasser schmolz, gefror in den Nächten wieder zu glattem Eis. Unzumutbare Verhältnisse gibt es selbst an zentralen Touristenattraktionen wie am Pariser Platz und Brandenburger Tor oder dem Kurfürstendamm. Noch ein Beispiel in bester Lage: Der Potsdamer Platz. Das Grundstück an der Ecke Stresemannstraße ist spiegelglatt, wie im Eisstadion. Kein Krumen Split, Salz natürlich auch nicht, das ist ja verboten (siehe Beitrag rechts). Passanten halten sich gegenseitig fest, um heil über die Eisschollen zu kommen. Auf der anderen Seite des Potsdamer Platzes wurde dagegen gestern Schnee mit Baggern weggefahren – damit die Berlinale-Stars nicht stolpern.

Ähnlich verfährt auch das Kanzleramt – die Aufmarschfläche für die Ehrenformation der Bundeswehr ist picobello auf zehn Metern Breite gereinigt, auf der anderen Seite des Merkelschen Amtssitzes müssen Touristen über Eisplatten stolpern – und laufen zur Not auf der Fahrbahn. Dreist auch die Situation vor dem Berliner Abgeordnetenhaus:  Direkt davor alles blank – der eigentliche, gut frequentierte Gehweg entlang der Niederkirchnerstraße dagegen ist eine Eiswüste. Rund um den Hauptbahnhof ist jetzt ein schmaler Weg freigeschlagen, die Freitreppe ist aber weiter eine Rutschbahn.

Noch schlimmer sieht es ausgerechnet vor einem Krankenhaus aus: In der Luisenstraße vor der Charité versanken Passanten in 15 Zentimeter tiefem Eisharsch, offensichtlich wurde dort Salz gestreut. Dies ist bekanntlich knapp, nicht nur in Berlin. Die Lager sind fast leer. Sollte es in den kommenden Tagen viel Neuschnee geben, müsste auf eine Mischung aus 90 Prozent Split und 10 Prozent Salz umgestiegen werden.

In Hamburg ist die Situation nicht besser. Dort ist für Montag eine „Krisensitzung“ geplant, bei der beraten werden soll, wie die Gehwege vom Eise befreit werden können. Zwei Dinge gelten in der Hansestadt ab sofort: Die Stadtreinigung wurde angewiesen, auf öffentlichen Wegen, für die eigentlich die Bezirke zuständig sind, mitzustreuen. Und seit Freitag wird Streugranulat auf den Betriebshöfen gratis an Jedermann ausgegeben. Beides wird es in Berlin nicht geben. Für die Gehwege fehlen der BSR „die Ressourcen“. Und Split gebe es ausreichend zu kaufen, „den müssen wir nicht verschenken“.


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