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Winterchaos : Enteisungsmittel fehlen: Berlins Flughäfen lahmgelegt

200 Flüge von und nach Schönefeld oder Tegel fallen am Donnerstag aus, andere verspäten sich. Der Flughafensprecher spricht von Nachschubproblemen bei Enteisungsmitteln. Was sind Ihre Erfahrungen?

Janina Guthke,Thordis Meyer
Warten auf den Abflug. Nach dem tagelangen Chaos an den Flughäfen, sieht es auch heute nicht viel besser aus. Die Passagiere können nur warten und hoffen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
10.12.2010 11:51Warten auf den Abflug. Nach dem tagelangen Chaos an den Flughäfen, sieht es auch heute nicht viel besser aus. Die Passagiere...

Der Berliner Flugverkehr ist stark eingeschränkt. Laut Berliner Flughäfen fällt sowohl in Tegel als auch in Schönefeld jeder dritte Flug aus. Insgesamt würden am Donnerstag 200 Flüge gestrichen, drei Viertel davon in Tegel. Passagiere, deren Flug nicht ausfällt, müssen Verspätungen von bis zu acht Stunden hinnehmen. Als Gründe für die Ausfälle und Verspätungen führen die Berliner Flughäfen fehlende Enteisungsmittel durch Engpässe beim Hersteller an. Zudem führten "winterbedingte Verzögerungen" bei der "hochgradigen Vernetzung des Luftverkehrs" zu Dominoeffekten. Bis zum Nachmittag waren bereits 200 Flüge ausgefallen. Für Flughafensprecher Kunkel ist die Situation "einmalig in der Geschichte der Berliner Flughäfen und absolut ärgerlich."

"Wir bedauern die Unannehmlichkeiten für die Passagiere sehr", sagte Kunkel weiter. "Wir sind mit Mann und Maus im Einsatz, um den Schnee zu räumen und die Bahnen eisfrei zu halten." Die Start- und Landebahnen sowie die Vorfelder seien "zu jeder Zeit geräumt und betriebsbereit“ gewesen.

Enteisungsflüssigkeit ist knapp

Die derzeit knappe Enteisungsflüssigkeit ist notwendig, um die Maschinen vor Flugantritt von Schnee und Eis zu befreien. Für die Berliner Flughäfen ist das Unternehmen Globe Ground Berlin für diese Enteisung zuständig, angeliefert wird die Flüssigkeit von dem Schweizer Konzern Clariant. Eine Clariant-Sprecherin gestand "Kapazitätsengpässe" aufgrund der europaweit "extremen Winterbedingungen" und der hohen Nachfrage seitens der über 100 von dem Konzern belieferten Flughäfen ein. Bei Pulverschnee brauche man rund 100 Liter Enteisungsflüssigkeit pro Flieger, bei Nassschnee wie er gerade fiele, seien über 1000 Liter sogenanntes "De-Icing-Material" vonnöten, so die Sprecherin. Wie Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber sagte, gab es am Donnerstagmorgen sowohl in Tegel als auch in Schönefeld "nur noch für wenige Flugzeuge Enteisungsflüssigkeit". Eine Globe-Ground-Sprecherin räumte ein, dass die Lager nicht gefüllt seien. "Wir haben Anlieferungsprobleme", sagte sie. Zuvor waren bereits 20.000 Liter Enteisungsflüssigkeit aus einem Notlager angeliefert worden.

Globe Ground hatte die Enteisungsarbeiten auf beiden Flughäfen stark eingeschränkt, in Schönefeld wurde die Arbeit zwischenzeitlich ganz eingestellt.

Die Nachschubprobleme von Enteisungsflüssigkeit sieht Lufthansa-Sprecher Weber in diesem Winter als "gesamteuropäisches Problem." Erst vor wenigen Tagen war die Flüssigkeit am Flughafen Frankfurt ausgegangen. Doch auch, wenn genügend Flüssigkeit in Berlin vorhanden wäre, würde dies laut Weber "nicht allzu viel ändern". Er sieht ein großes Problem darin, dass zahlreiche deutsche Flughäfen ihren Betrieb ebenfalls stark eingeschränkt haben. Laut Lufthansa dürfen in Frankfurt am Main nur Langstreckenflugzeuge landen. Will eine Maschine also von Berlin nach Frankfurt, wird keine Landeerlaubnis erteilt. Laut Weber ist heute noch kein Lufthansa-Flieger von Berlin nach Frankfurt geflogen.

Bis zu acht Stunden Wartezeit

In Schönefeld müssen Passagiere bis zu acht Stunden auf ihren Flug warten. Es werden jedoch nach wie vor Fluggäste in den Boardingbereich gelassen, vor allem im Bereich von Easyjet. Vor dem Sicherheitsbereich der übrigen Maschinen herrscht gähnende Leere, vereinzelt stehen Passagiere mit ihren Koffern vor den Kontrollgeräten. Doch für die Sicherheitsleute gibt es nicht viel zu tun. Untätig sitzen sie neben ihren Maschinen und blicken gelangweilt in den Schnee. Ganz anders zeigt sich die Situation vor der Flughafeninformation, wo sich Touristen aus den verschiedensten Ländern gegenseitig auf die Füße treten und versuchen an Informationen zu gelangen. Das gelingt einigen mehr, anderen weniger. Die Passagiere von einem Flug nach Pisa, der sechs Stunden Verspätung haben soll, trotten hinter einem Flughafenmitarbeiter her. "Follow me for the vouchers and the new check-in time" - "Folgen sie mir für die Gutscheine und die neue Check-In-Zeit", ruft er im Minutentakt. Ob die neue Zeit denn eingehalten wird, will ein Passagier wissen. Die Antwort besteht in einem Achselzucken, mehr kann der Flughafenmitarbeiter einfach nicht sagen.

Im Flughafen warten zwar zahlreiche Passagiere und Crews, überfüllt ist es aber nicht. Vor dem Flughafengebäude treffen sich die Raucher. Passagiere, Crewmitglieder und die Mitarbeiter von GlobeGround frieren gemeinsam. Erste wollen meistens weg, die Crews freuen sich, gelandet zu sein und die Globe-Ground-Mitarbeiter wünschen sich an einen anderen Ort. "Wir können dazu nichts sagen", sagte einer, von einem Passagier auf die Verspätungen und die Enteisungsflüssigkeit angesprochen.

Wer sich auf dem Weg zum Flughafen Schönefeld machen will, braucht vor allem eines: Geduld. Der Expressbus von Südkreuz nach Schönefeld fährt eher alle 40 als 20 Minuten und die S-Bahn-Taktung ist dank des winterlichen Wetters weiter auseinandergezogen. "Ist der Flughafen nicht gesperrt?", fragt der Busfahrer und macht den noch hoffnungsvollen Passagieren Angst. "Na, ich hoffe nicht", sagt eine resolute ältere Dame, die gefälligst ihren Flug nach Basel bekommen wolle, wie sie sagt.

Die meisten Passagiere scheinen eher resigniert als genervt. "Ich will nur noch fliegen", sagt eine 42-jährige Passagierin, die um 9:25 Uhr nach Hurghada fliegen sollte. Der Flug wurde auf 17 Uhr verlegt. "Ob er dann stattfindet, weiß ich aber auch nicht", seufzt die Frau resigniert und drückt sich gegen die Lehne. Sie ist glücklich noch einen Sitzplatz abbekommen zu haben. Andere machen es sich direkt auf dem Boden bequem. "Eigentlich wollen wir nach Lissabon", sagt der Berlin-Tourist. "Wir sind extra drei Stunden früher hier, aber das wird wohl nicht helfen." Dir Gruppe nimmt es mit Humor, trinkt einen Schluck Bier und erzählt sich Witze. Ab und an entschuldigen sich die Berliner Flughäfen bei ihren Passagieren. Viele andere Flughäfen seien gesperrt, auch deshalb komme es zu Verspätungen. Von fehlender Enteisungsflüssigkeit sagt die nette Dame über Lautsprecher jedoch nichts.

Die Berliner Flughäfen machen auf ihrer Homepage das "intensive Winterwetter" auch im Laufe des Donnerstags mit Verspätungen und Ausfällen rechnen müssen. Die Lufthansa, die von Tegel aus startet, meldete, dass von 31 geplanten Starts von Berlin aus, 24 gestrichen worden sind. Von 30 weiteren Flügen, die im Tagesverlauf starten sollen, sind bislang zwölf Flüge storniert worden. Betroffen seien sowohl innerdeutsche wie internationale Flüge. Ähnliche Quoten würden laut Weber auch im Flugverkehr nach Berlin gelten. Nach Auskunft der Fluggesellschaft Air Berlin können derzeit nur drei Flüge in der Stunde in Tegel landen. Der Lufthansa-Sprecher prognostiziert auch für den Nachmittag, dass die Mehrzahl der Flüge ausfallen muss.

Eine Schließung der Flughäfen Tegel oder Schönefeld macht in Webers Augen nur dann Sinn, wenn es entweder so stark schneit, dass man mit den Räumarbeiten nicht hinterher komme oder aber, wenn die Enteisungsflüssigkeit komplett ausginge. Beides sei seines Wissens nicht der Fall. Am frühen Donnerstagnachmittag liegen die Temperaturen laut dem Wetterdienst Meteogroup sowohl in Tegel als auch in Schönefeld bei null Grad. Es komme dort weiterhin zu Schneeschauern, also zu Schneefällen von weniger als einer Stunde Dauer. Während es in der Nacht zu Donnerstag berlinweit 10 Zentimeter Neuschnee gegeben habe, komme laut Meteogroup im Tagesverlauf nur noch etwa ein Zentimeter hinzu.

Tegel und Schönefeld: Unterschiedliche Probleme

Warum die Unterschiede in derselben Stadt? Leif Erichsen, Sprecher der Berliner Flughäfen, führt die starken Beeinträchtigungen in Tegel darauf zurück, dass der Flughafen ohnehin "an der Kapazitätsgrenze" arbeite und er viele so genannte Netzwerk-Carrier, also Fluggesellschaften mit komplexen Flugrouten, im Programm habe: Die Schließung des Pariser Flughafens sowie die Beeinträchtigungen des "Luftverkehrs insgesamt in Europa" hätten deshalb größere Auswirkungen auf Tegel als auf den Flughafen Schönefeld. Denn dort werde meist lediglich zwischen zwei Flughäfen hin und hergeflogen, vor allem von so genannten Low-Cost-Carriern, wie Erichsen die Billigflieger im Fachjargon nennt.

Tagesspiegel.de-Leser hatten am Morgen telefonisch mitgeteilt, ihnen sei als Begründung am Flughafen gesagt worden, dass Mitarbeiter der Enteisung nicht zum Dienst erschienen seien. Dies wies die Sprecherin des zuständigen Unternehmens Globe Ground zurück. Man arbeite in drei Schichten mit allen verfügbaren Einsatzkräften.

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