Winterdienst : Die Abräumer

Winterdienstfahrer im Nebenjob – das ist normalerweise leicht verdientes Geld. Nur nicht in dieser Saison.

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Räum- und Streupflicht. Michael Dietz studiert Elektrotechnik, diesen Winter jobbt er nebenher als Fahrer im Räumdienst. Tief...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist zehn Uhr morgens, und Michael Dietz hat seinen Dienst nach gut sechs Stunden gerade beendet. Trotz des wenigen Schlafs, der Minustemperaturen und des erneuten Schneefalls in der Nacht macht der 34-Jährige einen munteren Eindruck. Der Student der Elektrotechnik ist Tourenfahrer im Winterdienst und fährt mit seiner Gehwegräummaschine jede Nacht rund 140 Positionen in Pankow an. Es ist Dietz’ erste Saison, und gerade die ist witterungsbedingt so extrem wie keine in 30 Jahren zuvor. Das sagt auch sein Chef, Klaus Dieter Tschäpe, Geschäftsführer der Ruwe GmbH.

„Mir macht das nicht viel aus. Ich hatte schon schlimmere Jobs“, winkt Dietz ab. Früher hat der gelernte Kameramann als Roadie im Veranstaltungsbereich gearbeitet. „Da musste ich 40-Tonner be- und entladen und habe bis zu 18 Stunden geschuftet. Das war anstrengend.” Dabei erfordert auch die Arbeit als Tourenfahrer Ausdauer, Kraft und Konzentration: Mit der ungefederten Räummaschine geht es unzählige Bürgersteige rauf und wieder runter, um einzelne Gehwegabschnitte zu räumen und mit Splitt zu bestreuen. Ständig muss Dietz nach rechts und links schauen, um keine Fußgänger oder Hunde zu gefährden oder parkende Autos zu beschädigen. Und des Öfteren steigt er auch raus in die Kälte, um Mülltonnen zur Seite zu stellen oder einen Hydranten vorschriftsmäßig mit der Hand vom Schnee zu befreien.

„Das ist ein Knochenjob, vor allem in diesem harten Winter. Deshalb springen auch immer mal wieder Leute ab“, sagt Tschäpe, der mit seiner Firma in Berlin für Gehwegabschnitte und Plätze auf einer Gesamtfläche von über fünf Millionen Quadratmetern verantwortlich ist. Um alles bewältigen zu können, arbeiten für ihn derzeit auf rund 700 Fahrzeugen 850 Tourenfahrer. Davon sind je 45 Studenten und Rentner, Frauen sind zurzeit gar nicht im Team. „Dieser Winter ist grenzwertig. Auch wenn wir unser Möglichstes tun – Beschwerden gibt es immer wieder, wenn um sieben Uhr der frisch zugeschneite Gehweg noch nicht geräumt ist.“ Daher beschäftige er an Schneefalltagen mitunter zehn Frauen an der Beschwerdehotline.

Oft stellen sich die Neuankömmlinge unter den Fahrern den Winterdienst als einen Job vor, der idealerweise gutes Geld für fast keine Arbeit bietet. Vor allem ihnen macht die aktuelle Kälteperiode einen dicken weißen Strich durch die Rechnung. „Als ich mich im Oktober beworben habe, gab es einen regelrechten Run hier auf dem Neuköllner Betriebshof“, erinnert sich Dietz. Längst nicht alle seiner Mitbewerber sind heute noch dabei. Mit der Pauschale von rund 2800 Euro für 16 Einsätze zwischen November und April ist der Student zufrieden, für jeden Einsatz mehr bekommt er eine Extraprämie, und diese Grenze hat er bereits Anfang Januar überschritten. „Im Sommer hoffe ich, als Werkstudent arbeiten zu können. So komme ich ganz gut über die Runden.“

Er kann sich vorstellen, auch im nächsten Winter wieder als Tourenfahrer zu arbeiten. Wenn das auch bedeutet, dass er sechs Monate Tag und Nacht einsatzbereit sein muss und seine Eltern zu Weihnachten wieder nicht in Süddeutschland besuchen kann. „Dafür freuen sich viele Menschen, wenn sie mich morgens vor ihrem Haus auf meiner Kehrmaschine entdecken. Das sei ein schönes Gefühl.“ Und diese seltsam stillen Nachtstunden in menschenleeren Straßen hätten ihren ganz eigenen Reiz. Eva Kalwa

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