Winteroper : Horrorgeschichten und königliches Plaisir

Die "Potsdamer Winteroper" bietet spannende Aufführungen im Theater des Neuen Palais.

Carsten Niemann

Schwarze Wolken ziehen wie riesige Fledermäuse am fahlen Mond vorbei, kalte Regengüsse peitschen den mächtigen Bau des Neuen Palais: Das Wetter spielt mit bei dem Werk, mit dem die Potsdamer Winteroper gestern die 5. Saison im Schlosstheater Sanssouci eröffnete: Schließlich beruht die unheimliche Handlung von Philip Glass’ Oper „Der Untergang des Hauses Usher“ auf einer Novelle von Edgar Allen Poe – der als Begründer der Horrorgeschichte und der modernen Krimiliteratur gilt.

Die 1987 entstandene Opernfassung erzählt von einem Mann namens William, der auf den Adelssitz seines erkrankten alten Jugendfreundes Roderick Usher gerufen wird. Die schauerlichen Vorkommnisse, deren Zeuge William im Hause Usher wird, lassen der Phantasie bis heute Raum: Warum hat Roderick seine eigene Zwillingsschwester lebend begraben? Und welche Macht ist es, die den Schlossherren am Ende vernichtet?

Um die Zuschauer bei der Beantwortung dieser Fragen zu unterstützen, ist kein Geringerer als der Künstler Achim Freyer nach Potsdam gereist – und das, obwohl er mitten in seiner Produktion von Wagners „Ring des Nibelungen“ in Los Angeles steckt. Doch dem Hilferuf der ebenso künstlerisch ambitionierten wie finanziell notorisch klammen Winteroper konnte er sich nicht verschließen: „Ich habe sehr viel Sympathie für diese Operngruppe, die ich schon mehrmals in Potsdam gehört habe, und für das Theaterchen“ erklärt Freyer.

Die Zusage des weltweit gefragten Regisseurs ist ein echtes Geschenk für die Winteroper und ihre Leiterin Frauke Roth. Denn aus den 250 000 Euro, die dem Gemeinschaftsprojekt von Kammerakademie Potsdam, Hans-Otto-Theater und lokalen Kulturveranstaltern für seine diesjährigen zwei Opernprojekte bereit- stehen, wäre ein Regisseur vom Range Freyers nicht zu bezahlen gewesen.

Wobei die Inszenierung selbst ein Muster für gelungene künstlerische Ökonomie ist: Eine schwarze Bühne, die nur von Leuchtstoffröhren in der Hand der Darsteller erleuchtet wird, maskenhaft geschminkte Gesichter von Achim Freyers Schauspielern, welche die Sänger als bewegte Schatten doubeln, sowie ein alter Wassereimer, in den es von Zeit zu Zeit tropft – viel mehr braucht der Regisseur nicht, um eine dichte Atmosphäre des Unheimlichen und des Verfalls zu schaffen.

Der Minimalismus der Ausstattung verbindet sich dabei bestens mit den suggestiven Wiederholungen von Philip Glass’ minimalistischer Musik, die von Michael Sanderling dirigiert wird. Und das ist kein Zufall: schließlich hat Achim Freyer in den 80er-Jahren mit seiner legendären Stuttgarter „Glass-Trilogie“ drei der wichtigsten Musiktheaterwerke des amerikanischen Komponisten uraufgeführt.

Für Glass’ Oper gibt es nur noch Restkarten – doch die Winteroper hat Ende des Monats ein weiteres Musiktheaterwerk zu bieten: „L’Infedeltà delusa“, eine Opernburleske, die Joseph Haydn zur Unterhaltung der Gäste seines Dienstherrn Fürst Esterházy schrieb. Wer gute Opern sehen wolle, müsse nach Schloss Esterházy fahren, urteilte damals sogar Kaiserin Maria Theresia. Die Winteroper hat alles getan, damit dieser Spruch auch für Potsdam gelten kann.Carsten Niemann

Weitere Vorstellungen „Der Untergang des Hauses Usher“ am: 7., 8. und 15. 11. Aufführungen von Haydns „Die vereitelte Untreue“ 27. - 29. 11. Kartentelefon 0331 - 98 118. Infos: www.potsdamer-winteroper.de

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