Wintersport in Berlin : Leidenschaft in Weiß

Strahlende Sonne, glitzernde Kristalle, Loipen auf dem Flugfeld. Berlin hat jetzt einen eigenen Skisportort - das Tempelhofer Feld.

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Blauer Himmel, Pulverschnee. Ab auf die Piste - aufs Tempelhofer Feld. Foto: dpa
Blauer Himmel, Pulverschnee. Ab auf die Piste - aufs Tempelhofer Feld.Foto: dpa

Klack, sssrrr, klack. Nur das Schaben und Klappern von Skiern im Schnee unterbricht die Stille. Winterweiß hat die Stadt in Watte gepackt, und das weite Tempelhofer Flugfeld breitet sich vor einem aus wie das Meer, nur wie zugefroren diesmal und mit Kristallen überzogen. „Herrlich“, ruft die Frau in der Langlaufloipe gegenüber, „ein Wintersportort direkt vor der Haustür.“ Und der Mann auf Skiern hinter ihr sagt: „Absolut geil.“ Am Sonnabend haben Stadtentwicklungsverwaltung und Parkbetreiber Grün Berlin im Schnee zum ersten Mal professionell gespurt.

Berlin, Berlin, wir gleiten durch Berlin. Die dicken Ladungen Schnee haben den Winterzauber möglich gemacht. Sollen sich doch andere über Schneehaufen ärgern, hier kommen die Flocken genau richtig. Auf dem ehemaligen Flughafen braucht man noch nicht mal Hügel, um Spaß zu haben. Keiner schleppt hier wie im Viktoriapark in Kreuzberg sein Snowboard erst hinauf. Beim leisesten Lüftchen lassen sich „Landkiter“ vom Lenkdrachen ziehen, und die Ausrüstung tragen sie mit Riesenrucksäcken sogar klaglos durch den Schienenersatzverkehr.

Berliner Winterchaos
Pfui Pfütze. Das Schnee-Silvesterböllergemisch taut in diesen warmen Tagen, zurück bleiben Splitt und Müll – und große Wassermengen wie hier vor dem Reichstag. Foto: Guenter PetersWeitere Bilder anzeigen
1 von 73Foto: Guenter Peters
10.01.2011 14:01Pfui Pfütze. Das Schnee-Silvesterböllergemisch taut in diesen warmen Tagen, zurück bleiben Splitt und Müll – und große...

Sandra Mertens, 38, IT-Fachfrau aus Prenzlauer Berg, und ihre alte Schulfreundin Antje Sela, 37, Tontechnikerin aus Friedrichshain, haben sich für dieses Wochenende extra Langlaufskier geliehen. Schon bevor die Kreuzberger Läden namens „Der Berg ruft“ und „Boarderline“ unter einem Dach aufgeschlossen wurden, traten schon Kunden von einem Moonboot auf den anderen. 30 Euro hat jede der Freundinnen gezahlt, für Ski plus Schuhe, „nun wollen wir das richtig ausnutzen“, sagt Sandra Mertens. Erst die Runde um den Airport, „dann mit der S-Bahn weiter an den Schlachtensee.“

Dass man „auf dem Feld“, wie die Leute das Gelände liebevoll nennen, in Loipen gleiten kann, haben sie der Initiative der Stadtentwicklungsverwaltung zu verdanken. Und Walter Schühle. Der 53-Jährige steuert sonst Radlader und Traktoren, aber jetzt gibt er auf dem Schneebob vom Britzer Buga-Gelände samt Skispurrillen-Anhänger Gas. „Macht schon Spaß, die Fahrzeuge sind ja sonst eher in Kanada und Grönland unterwegs.“ Als er weiter will, steckt das Ding fest. „Hold – follow me“ steht ja auch auf einem alten Piloten-Hinweisschild. Alles kein Problem. Der nächste Langläufer surrt schon heran. Klaus Fischer packt mit an. „Ich bin restlos begeistert“, sagt der 55-jährige Physiker aus Schöneberg und haucht mit roten Wangen Atemwolken in die Winterluft, „das ist ein überwältigendes Gefühl hier, die Landschaft und wie schön der Schnee glitzert.“ Der Airport, eine natürliche Gute-Laune-Droge.

Wen man auch fragt, alle sagen: Das Feld muss so frei und wild bleiben, bloß nicht als Park anlegen oder bebauen. Nils Kutzer findet das, 29, Tischlermeister aus Neukölln und Skilangläufer, sonst im Sommer drei Mal pro Woche auf Rollskiern unterwegs. Elfi Thaens, 60, Erzieherin aus Charlottenburg, ebenso: „Wenn alles so nach Norm angelegt wird, ist mir das zu kommerziell.“ Birgit König, 66, und ihr Lebensgefährte Jürgen Vorsatz, 73, aus Treptow wollen auch weiter die Wildnis.

Juliane Eirich hat sich den Weg zu Fuß durch den Schnee gebahnt. Jetzt steht sie neben einer Großformatkamera mit Stativ und bietet einen Schluck schwarzen Tee an. „Das Gelände ist einzigartig, hier kommen leidenschaftliche Leute her, die etwas besonders mögen“, sagt die 31-jährige Künstlerin aus Neukölln. Da hinten grillt eine Gruppe im Schnee. Ein Mann lässt sein Flugzeugmodell sirren. Ein Saxophonspieler hat es sich auf seinem Schlafsack gemütlich gemacht. Irgendwo läuten Kirchenglocken. Die einzige Person, die an diesem Tag an diesem Ort nicht das findet, was sie suchte, ist die Fotografin. Sie hat den Auftrag, für eine Münchner Firma den Himmel aufzunehmen, für ein Messeplakat. „Ich möchte Wolken fotografieren“, sagt sie, „aber heute zeigt sich keine einzige am blauen Himmel.“

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