Winterwetter : Wie Obdachlose mit der Kälte kämpfen

Obdachlose müssen bei Minusgraden immer in Bewegung bleiben. Nicht alle nehmen die Hilfsangebote in Anspruch.

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Frust mit Frost. Heimatlose suchen jetzt nach warmen Plätzen. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Berlin - Martina sucht Wärme in der S-Bahn und in Häuserfluren. Wenn sie dort jemand herein lässt oder sie sich hinein schmuggeln kann, entspannt sie ein wenig. Im vergangenen Winter hat ein netter Mann ihr nachts eine Hängematte in den Keller gehängt. Dieses Jahr hatte Martina nicht so viel Glück.

Die 50-Jährige, die seit 2002 auf der Straße lebt, sagt, dass es im Winter das Schlimmste sei, andauernd auf Achse sein zu müssen und dabei total müde zu sein. „Du musst dich immer bewegen, um nicht einzufrieren.“

Martina ist eine von etwa acht- bis zehntausend Wohnungslosen in Berlin. Die Dunkelziffer wird weitaus höher geschätzt. „Gestiegen ist vor allem die Zahl der osteuropäischen und illegal in Deutschland lebenden Obdachlosen“, sagt Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo.

Die Berliner Stadtmission verzeichnet in diesen Tagen bis zu 20 Prozent mehr Obdachlose, die ihre Dienste in Anspruch nehmen, als im letzten Winter. Rund 80 Einrichtungen bieten in Berlin gesonderte Kältedienste an – von der Notübernachtung über Tagestreffs, Nachtcafés und Suppenküchen bis hin zu Obdachlosen-Arztpraxen. Zudem hat die BVG die U-Bahnhöfe Schillingstraße (U5), Südstern (U7) und Hansaplatz (U9) zur Verfügung gestellt, in denen Obdachlose bei Temperaturen von ab minus drei Grad übernachten können. Genutzt wurde das Angebot allerdings erst von wenigen Obdachlosen. „Fraglich ist, ob sie überhaupt von diesem Angebot wissen“, sagt Puhl.

Der Kältebus der Stadtmission und der des DRK fahren Menschen ohne Wohnung in eiskalten Nächten bis in die frühen Morgenstunden in warme Quartiere. Bis zum 31. März suchen die Helfer so nach hilflosen oder kranken Wohnungslosen. Drei Kältetote gab es bislang in Berlin. „Es gibt viele Suchtkranke, die sich im Rausch nachts nicht mehr orientieren können. Das Gefährliche ist, bei minus zehn Grad und einem Pegel einzuschlafen, weil der Erfrierungstod viel früher einsetzt“, sagt Puhl. Andere wiederum seien in ihrer Psyche so eingeschränkt, dass ihnen ein sozialer Kontakt gar nicht mehr möglich sei.

Die einzelnen Einrichtungen haben unterschiedliche Aufnahmebedingungen. Manche nehmen beispielsweise keine alkoholisierten Obdachlosen oder Hunde auf. In der Lehrter Straße wird niemand abgelehnt. Viele von ihnen kommen dort nicht nur wegen der Wärme hin. Viele sind auch krank. „Da kann man die Krätze haben oder sehr dreckig sein. Orte wie dieser sind wichtig, weil es dort Behandlungsmöglichkeiten für alle gibt“, sagt Hans-Joachim Fuchs, Referent für Wohlfahrtspflege des DRK. Doch nicht jede Institution habe die Möglichkeiten, all das leisten zu können.

Auch Martina übernachtet in der Lehrter Straße, die in mancher kalten Nacht bis zu 160 Menschen beherbergt. „Mir bleibt ja nichts anderes übrig, als in Kauf zu nehmen, dass mir dort mein Zeug geklaut wird, mich jemand belästigt und dass es viel zu voll ist.“ Alles Gründe, warum viele Obdachlose auch nachts lieber draußen kampieren oder sich ein Quartier in Vorhallen von Banken suchen. Wenn sie Glück haben und kein Wachmann sie rauswirft, bleiben sie dort bis zum Morgen. Hadija Haruna

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