Berlin : „Wir brauchen eine sensiblere Pflege“

Das DRK will ausländische Senioren auch von Landsleuten betreuen lassen

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Frau Vey, Sie engagieren sich für eine „kultursensible Altenhilfe“. Was bedeutet dieser Begriff?

Kultursensible Altenhilfe bezieht sich auf alle Leistungen der Altenhilfe. Beispiel Pflege: Sie beinhaltet immer eine sehr persönliche Begegnung, benötigt gegenseitiges Verständnis. Bei Zugewanderten wächst das, wenn man etwas über ihre Heimat weiß. Ein Beispiel: Wer in eine türkische Familie kommt, sollte wissen, dass man am Eingang die Schuhe auszieht. Die Art, wie die Menschen sich waschen, ist anders, auch die Reihenfolge beim Waschen. Wichtig ist aber: Es gibt eigentlich keine festen Regeln. Jeder Mensch ist ja verschieden, hat andere Vorlieben. Das ist bei Türken nicht anders. Deshalb ist Sensibilität gefragt.

Warum gibt es in Berlin kein türkisches Seniorenheim?

Zum einen, weil die Problematik Migranten und Altenpflege erst seit 2000 ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist. Weder deutsche noch türkische Träger hatten bisher den Mut, eine solche Maßnahme anzupacken. Bisher ist zwar bekannt, dass mehr als 80 Prozent der älteren Migranten ihr Alter in Deutschland verbringen werden, aber welche Leistungen sie erfragen werden, ist noch offen.

Was kann Ihre Initiative bewirken?

Sie kann die großen Informationsdefizite abbauen helfen – und zwar auf beiden Seiten. Aus Sicht von Migranten sind Altenheime für Deutsche da: Es werden deutsche Lieder gesungen, es wird deutsches Essen gereicht, es wird Deutsch gesprochen. In den Altenheimen denkt man, Migranten regeln die Pflege alter Menschen in den Großfamilien. Beides trifft so nicht zu. Die Initiative versucht deshalb, auf beiden Seiten Offenheit für dieses Thema zu erreichen, anzuregen, Migranten als Mitarbeiter auszubilden oder Familienangehörige in die Altenpflege einzubeziehen.

Reduziert die kultursensible Altenhilfe denn die Kontakte zwischen den Kulturen?

Nein, das wäre schade und würde manchem Deutschen oder Migranten die Chance verbauen, sich näher zu kommen. Wir setzen auf das Motto „Aufeinander zugehen – voneinander lernen“. Wir favorisieren, dass Mitarbeiter der Altenhilfe interkulturelle Sensibilität erlernen und dass Migranten die bestehenden deutschen Einrichtungen kennen lernen.

Und wie finden beide zueinander?

Durch Informationen und Veranstaltungsreihen. Und indem wir Träger und gute Projekte vernetzen, beispielsweise die Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt für Migranten in der Adalbertstraße oder die Frauen-Beratungsstelle des DRK „Bacim“ in der Oldenburger Straße.

Das Interview führten Sandra Dassler und Susanne Leimstoll

Mehr unter Tel. 85404131 oder im Internet: www.kultursensible-altenhilfe.de

Anna-Luise Vey engagiert sich beim Deutschen Roten Kreuz für die kultursensible Altenhilfe. An dem Projekt sind bundesweit 80 weitere öffentliche Träger beteiligt, etwa 30 davon in Berlin.

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