Berlin : „Wir brauchen Kitas für Senioren“

Pflegenotstand – ein Gespräch mit dem Experten Markus Breitscheidel über sein neues Buch

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Herr Breitscheidel, vor genau einem Jahr haben Sie mit „Abgezockt und totgepflegt“ ein sehr kritisches Buch über die Altenpflege in Deutschland veröffentlicht. Sie haben von misshandelten Alten und überforderten Pflegern erzählt und standen wochenlang auf den Bestsellerlisten damit. Nun schieben Sie gleich das zweite Buch hinterher. „Gesund gepflegt statt abgezockt“. Auch weil die Reaktionen so „verrückt“ gewesen seien. Was war denn?

Ich habe mehr als 1500 Briefe von Pflegern bekommen, die die schlimmen Zustände, die ich im Buch schildere, bestätigt haben. Unzählige Briefe von Angehörigen. Ich wurde zu mehr als 80 Lesungen im ganzen Land eingeladen, zu Politikern, in Talkshows, in Heime. Für die einen war ich Robin Hood, für die anderen ein Nestbeschmutzer. Verrückt, eben.

Für das erste Buch hatten Sie ein Jahr lang undercover in verschiedenen Pflegeheimen recherchiert, auch in Berlin. Waren Sie wieder als Pfleger unterwegs?

Nein, ich will im neuen Buch die Fragen beantworten, die mir die Leser zu Tausenden gestellt haben. Wie kann eine würdige Altenbetreuung in Deutschland aussehen? Was konkret kann das Pflegepersonal gegen Missstände tun? Was konkret können Angehörige tun?

Was können denn Angehörige tun, die sich um Verwandte im Heim sorgen?

An den Heimbeirat wenden, dann an die Pflegekasse, zuletzt an den Verein „Handeln statt misshandeln“ in Bonn. Die haben Fachanwälte. Allein würde ich gegen Heimleiter nicht vorgehen. Die können sogar ein Besuchsverbot durchsetzen.

Sie schreiben, Altenheime sind Auslaufmodelle. Warum?

Weil die Massenunterbringung für beide Seiten – Betroffene und Pfleger – zu viel zu großer Anonymität führt. Eigentlich ist das überall der Fall, wo es mehr als 20 Plätze gibt. Dort kann die Betreuung von Demenzkranken, die ja anstrengend und zeitaufwendig ist, zwangsläufig nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. 200 000 bis 300 000 alte Menschen sind bereits unterversorgt. Und die Zahl der Demenzkranken wird in den nächsten Jahren schneller wachsen als je zuvor. Im Jahr 2020 sind 28,5 Prozent der Deutschen über 60! Schon jetzt sind 60 Prozent der Bewohner von Altenheimen dement, und die Strukturen von Tag und Einrichtung entsprechen oft nicht ihren Bedürfnissen. Sie reagieren ja auch entsprechend. Mit Weinen, Weglaufen, Aggressionen, Rückzug, sogar Selbstmord.

Welche Alternativen zum Altersheim schlagen Sie also vor?

Alten-WGs zum Beispiel. Eine der ersten ist übrigens vor 15 Jahren in Berlin entstanden, der „Verein Freunde alter Menschen“. In solchen kleinen von Profis betreuten Wohneinheiten brauchen die Bewohner weniger Psychopharmaka, und sie sind aktiver. Diese Form bietet Sicherheit, aber auch Selbstbestimmung. Oder das Konzept der Tagespflege, das bei uns noch kaum entwickelt ist. Das finde ich äußerst wichtig. In Dänemark hat man schon Ende der 80er Jahre die Altenheime fast völlig abgeschafft und dafür viel in den Ausbau der Tagespflege investiert. Das Ziel ist dabei, den alten Menschen zu Hause zu lassen, solange es geht, was ja das Beste ist, aber Hilfe von außen zu bekommen.

Wie muss man sich so eine Tagespflege vorstellen?

Das ist vergleichbar mit einer Kita. Ab sieben Uhr morgens kann man da seinen Pflegebedürftigen abgeben, und er wird den ganzen Tag umsorgt. So etwas kann man täglich buchen oder auch nur zwei, drei Mal die Woche.

Eine Berliner Einrichtung fanden Sie so gut, dass Sie ihr gleich ein ganzes Kapitel gewidmet haben.

Ja, die Tagespflege des Nachbarschaftsheimes Schöneberg. Die haben in Deutschland mit dieser Idee angefangen. Und das ist nicht nur Seniorenbespaßung mit Kuchenbacken. Es gibt richtige Behandlungspflege und ein umfangreiches Programm. Realitätsorientierungstraining, Krankengymnastik, Körperpflege, Musiktherapie … Im Anhang des Buches gibt es ein großes Adressenverzeichnis, das hilft, solche Einrichtungen zu finden.

Eigentlich waren Sie mal Verkaufsleiter in einer Werkzeugfirma, dann bekamen Sie – das ist jetzt ziemlich verkürzt – eine Sinnkrise und verschrieben sich der Aufklärung von Missständen in der Pflege, das war vor sechs Jahren. Was hat diese Zeit mit ihnen gemacht, in der Sie so viel mit alten Menschen zusammen waren?

Ich bin einfach besser vorbereitet auf das, was auf uns alle zukommt, was wir aber gerne verdrängen. Und so oft vorgeführt zu bekommen, dass auch ich sterben werde, war schmerzhaft, aber auch ziemlich lehrreich. Ich habe jetzt zum Beispiel eine Patientenverfügung, notariell beglaubigt, samt Kopie fürs Portemonnaie. Da beschreibe ich detailliert, wie ich mir meine Pflege wünsche. Und mein Sterben. Ich rate jedem, eine anzulegen.

Jetzt schon eine Patientenverfügung im Portemonnaie? Sie sind doch erst 37.

Ja, aber ein böser Unfall – und Sie haben nichts mehr in der Hand.

Fragen: Christine-Felice Röhrs

Markus Breitscheidel , 37 (Verkaufsleiter, bis er begann, sich sozial zu engagieren), hatte für sein erstes Buch undercover in deutschen Pflegeheimen recherchiert. Nun kommt das zweite.

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Markus Breitscheidel: „Gesund gepflegt statt abgezockt – Wege zur würdigen Altenbetreuung“, 220 Seiten, Econ Verlag 2006, 16,95 Euro.

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