Berlin : Wir, der Ball und der Reichstag

Das Kicken auf dem Platz der Republik im Wandel der Zeiten – geschildert von einem, der von Anfang an dabei war

Bernd Cailloux

Vor und neben dem Reichstag ist nichts so geblieben, wie es war – außer dem Rasenviereck, einem Traum für ballhungrige Wildkicker und Zaubermäuse. Nach sieben langen Jahren in der Bau-Versenkung tauchte deren alte Grünfläche wie neu aus den Sandgruben auf und mit ihr die überraschende Botschaft des Bundestagspräsidenten, auf der Wiese seines hohen Hauses solle bald wieder Fußball gespielt werden. Herr Thierse von der SPD hatte das sicher gut gemeint. Seit jedoch in diesem Winter die Absperrgitter gefallen sind und der einst berühmteste Bolzplatz der Republik aufs Schönste hergerichtet ist, ziert sich Vater Staat mit der Spielgenehmigung fürs Volk. Stattdessen wird mit Verjagung, mit Bußgeld über fünfzig Euro Strafe gedroht – für einmal Spielen, nicht fürs Hertha-Gucken. Das klingt teurer als das gewohnte umsonst und draußen, Kicker und Medien sind erbost, eine Politposse bahnt sich an, ein Fall für die Vorher-Nachher-Wahrheits-Kommission. Oder, um es mit einem hier nicht völlig unpassenden Versprecher des Sportfreunds Bruno Labbadia zu sagen: Die Sache wird jetzt tüchtig „hochsterilisiert“.

Ein altes Problem beim vereinsfreien Reichstags-Kicken – jeder will mitmischen. Bekannte und unbekannte Politiker, die behördlichen Rasenreparaturreferenten räsonieren, auch der Berliner Fußballverband entdeckt plötzlich die sportliche Bohème-Szene, die gerade mit ihm keinesfalls etwas am Hut haben will. Fehlt nur noch ein klärender ZDF- Nachttalk aus dem Studio Savignyplatz, in dem graue Philosophenpanther über „Pantomime und Staatsarchitektur“ diskutieren und mit Prunkzitaten von Kafka (Sportkrad) bis Camus (Torwart) um sich werfen. Und am Ende stünde unweigerlich die Forderung nach einem Machtwort des ranghöchsten Fußballers der Nation. Gerd, sorry, „Acker“ Schröder von Talle 05 müsste es vor der nächsten Wahl herausbringen – die Organisation der Nichtorganisierten isses, stupid! Exakt dort, wo er mit seinen spin-doctors beim permanenten Zurückrudern schwitzt, lag früher übrigens das einzige, rätselhafterweise nie einfrierende und daher überlebenswichtige Winterstadion, ein flauschiges Fleckchen Grassteppe.

Auf diesem historischen Gelände herrschte schon immer Kompetenzwirrwarr. Das Kicken vorm Reichstag war in all den Jahren amtlicherseits genauso wenig erlaubt wie öffentliches Haschischrauchen. Doch das leichtherzige Überschreiten der Verbote verhübschte das Leben in der Halbstadt um entscheidende Grade – wir, die älteren Genusssportler und Mitglieder der einzigartigen Original-Reichstagstruppe wissen das. Es gab natürlich Stress, seit unorthodoxe Aktive aus munterem 68er-Rebellentum heraus den Platz zur Stärkung der Massen-Gesundheit einfach besetzt hatten. Es gab Kämpfe um jeden Quadratmeter, wenn irgendein verständnisloser Bezirksfürst seine berittenen Ordnungskräfte auf die außerparlamentarischen Amateure losließ. Mit bloßen Füßen wurde das abgewehrt. In unruhigen Phasen musste auch mal ein ungewöhnliches Mittel her: Wieder in die Verteidigung gedrängt, schrieben wir einen mit stadtkulturellen Vorschlägen gespickten Brief an den Bonner Kanzler Kohl. Sein persönlich sehr wohlwollendes Antwortschreiben hielten wir den schon zur Blutgrätsche ansetzenden Polizisten so lange unter die Nase, bis sie nach unverständigen Kopfschütteln über die Kanzlerworte für ein paar Jahre mit ihren ältlichen Wannen von der Bildfläche verschwanden; das ist Politik.

So ließ man die Revolution hier weiterspielen – als imagefördernden Treuerabatt des Berlinbonus gewährt, als pittoresken Beweis von der im Schatten der Mauer blühenden Lebensqualität benutzt, und sogar, als höchste Ehrung, auf oft gekaufte Ansichtskarten gedruckt. Schließlich war es eine einmalig bunte Schar Individualisten, die sich hier an Wochenenden zur Vorführung ihrer Fußfertigkeiten traf. Leute, die das reine Vergnügen wollten, ohne sich in feste Klubs oder verpflichtende Organisationen zu begeben. Sie zogen die wüste Schönheit des Ortes jedem noch so perfekten, Maschendraht umzäunten Kunstrasenplatz vor. Sie schätzten seine erhabene Größe – denn das Gefühl von Größe gehört beim Fußball unbedingt dazu. Tausende Männer lernten sich im Lauf der Zeit hier auf diese Weise kennen: die Kicker-Spontis, die Links- und Rechtshegelianer, die Taz-ler, SFB-ler, Wagenbachler, die Buchhändler, die unzähligen Michas und Gerds, die Ollis, die drei Schneckerls, die Flattermänner, die Jungjugos und die Altberliner wie Dietrich, der Opernsänger, der in flauen Momenten so mancher Partie voll ausgesungene Arien in die Luft schmetterte, wie Klaus, der Obdachlose, der auf seinem hochbeladenen Fahrrad wohnte und butterweich flanken konnte. Eine Ausländerklausel wie beim DFB gab es nicht. Serge, ein WM-erfahrener Nationalspieler aus Haiti, jawohl, war dabei, dazu einige Herren aus Botswana und Nirwana – ein Team der „United Colours“ unter schwarzrotgoldener Flagge, das stets den Rat von Berti Vogts beherzigte: „Wir dürfen nicht deutsch spielen, wir müssen intelligent spielen.“ Hier agierte eine multikulturelle Truppe, lange bevor dieser Begriff erfunden wurde. Sie, die Sonnenanbeter, die Musiker, die Kleinkünstler vom Tempodrom und die Grillfreunde machten diesen Ort für Jahrzehnte zum grünen Herzen der Subkulturen des sommerlichen Berlin.

Mit der alternativen Gemütlichkeit ist’s am Reichstag vorbei – spätestens seit Christo alles enthüllte und die Umbauten begannen. Die Leute zerstreuten sich, einige verloren den Kontakt, manche sammelten sich woanders, etliche Reichstagskicker, als letzte vor den Baggern geflüchtet, fanden im Weddinger Schillerparks wieder zusammen. Die Bedeutung des Platzes wandelte sich unterdessen in eine völlig andere. Lange vor dem Verschwinden unter Containern und in Baugruben, in den Zeiten vor der Wiedervereinigung, war seine Brachfläche ein Ort der deutschen Melancholie gewesen, ein Gesamtmahnmal der rundum sichtbaren Folgen von Krieg und Sühne – eine imaginierte Kranzabwurfstelle für die vom falschen Selbstmitleid erfüllten Touristen im eigenen Land. Im Winter lag er traurig verlassen, aber auch bei minus zwanzig Grad sahen immer ein paar Leute den Spielen zu – mit Ferngläsern aus den Grenzer-Türmen jenseits der Spree. Sie konnten sehen, wie begeistert wir der Freiheit jede Woche die Torstange hielten – hier auf einem ihrer äußersten Außenposten. Das war, zugegebenermaßen, ein Nebeneffekt unserer sportlichen Leistung.

Heute verschieben neue Bauten die Sichtachsen, steinerne Wege zerschneiden die alten Wiesen und Felder. Das Areal hat seinen Charakter ins Gegenteil gedreht: vom Symbol der unglücklichen Vergangenheit zum konkreten Zentrum politischer Macht, vom Ort der Subkulturen zur Präsenz der Staatskultur. So eine Umwidmung ist nicht ganz einfach. Für die Reichstagskicker verlor der Platz seinen Charme – die Gegend ist ’nen Tick zu ordentlich geworden. Auch aus dem präsidialen Lockruf spricht womöglich ein Unbehagen über das herausgeputzte Erscheinungsbild, das Staatslenker, Architekten und Bauräte verantworten, und das eine allzu vielförmige Lebendigkeit von hier verbannt. Deshalb werden wir auch nicht zurückkehren, wie immer sich die Dinge entwickeln. Wir wären in ständiger Sorge, mit ein paar scharfen Schüssen die dollen Gebäude und Prachtanlagen zu beschädigen. Wir wollen nicht stören beim Regierungsgeschäft.

Jahrzehntelang belebte der Freizeitsport die Grünflächen vorm Reichstag: Wir haben gespielt und gespielt – gewonnen aber hat der Beton. Wer jetzt mit dem generellen Verbot des Wiesenfußballs noch einen drauf setzen will, sollte sich dabei aber nicht zu sicher fühlen. Eines fernen Tages wird die Rache des Rasens kommen – wie immer, aus der Tiefe des Raumes.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Berlin. Im Buch „Der gelernte Berliner“ (Suhrkamp) beschreibt er das Kicken vorm Reichstag.

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