Berlin : „Wir gewinnen den Kampf nur gemeinsam“

Londons Polizeichef Ian Blair über Terror und die Probleme einer multikulturellen Gesellschaft

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Herr Blair, Sie sind zum ersten Mal in Berlin. Was ist Ihr Eindruck?

Wir können viel voneinander lernen, was die Polizeiarbeit betrifft. So wie wir nach dem 11. September 2001 viel von New York gelernt haben, so haben wir nach dem Londoner Anschlag vom vergangenen Jahr viele Besucher bei uns gehabt, darunter auch Polizisten aus Berlin.

Was konnten die Berliner Kollegen denn von Ihnen lernen?

Erstens, dass es von grundsätzlicher Bedeutung ist, auf Anschläge wie den im Juli 2005 vorbereitet zu sein. Und zweitens, dass wir anerkennen müssen, dass die Bedrohung, der wir gegenüberstehen, eine globale ist.

Auch nach den verhinderten Anschlägen in London in diesem Jahr hieß es bei den Berliner Sicherheitsbehörden, dass es Gemeinsamkeiten zwischen islamistischen Attentätern und Verdächtigen in London und Berlin gebe. Wie eng sind die Verbindungen?

Ich werde nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Es gibt starke Verbindungen. Aber diese Gruppen kommen sehr schnell zusammen, sie arbeiten zusammen, sie trennen sich, sie bewegen sich weiter. Wir reden hier nicht von der „Komintern“ oder etwas, das in einer klassischen Form organisiert wäre. Und viele Aktivitäten laufen über das Internet: Das heißt, man braucht oft gar nicht mehr von einem Land zum anderen zu reisen.

Berlins Sicherheitsbehörden suchen nach Wegen, stärker an die muslimische Bevölkerung heranzukommen und sie zur Mitarbeit zu gewinnen. London hat eine viel längere Tradition als Einwanderungsmetropole. Wie multikulturell ist die Londoner Polizei?

Sehr. Bei den regulären Polizisten haben wir in London bereits 15 Prozent Angehörige von ethnischen Minderheiten. Und dann haben wir seit drei Jahren Hilfspolizisten, die ebenfalls Uniformen tragen, aber weniger Macht haben: Da stellen die Angehörigen von Minderheiten 30 Prozent. Das machen wir aber nicht, weil wir nur nett sein wollen. Wir hatten kürzlich einen schwierigen Mord an einem Nigerianer. Der konnte nur aufgeklärt werden, weil wir Polizisten eingesetzt haben, die die Sprache und die Kultur dieser Gruppe verstehen. Das verändert die Ermittlungen völlig, wenn da eine Polizistin in der Tür steht und fließend Yoruba spricht.

Wie kommen Ihre Rekrutierungsversuche bei Muslimen voran?

Langsamer. Die Mehrheit der Muslime ist kürzer bei uns als die anderen Minderheiten. Die Erfahrung zeigt: Polizist zu werden, ist eine Entscheidung von Angehörigen der dritten Generation. Die erste Generation hat oft kein sehr positives Bild von der Polizei, und die zweite Generation strebt nach anderen, mehr lukrativen Jobs als im öffentlichen Dienst. Wir haben in London derzeit gerade 300 muslimische Polizisten – von 30 000 insgesamt. Es ist also noch ein langer Weg.

Wie bekommt die Polizei besseren Zugang zu Gruppen unterschiedlicher Herkunft?

Wir können den Kampf nur gemeinsam mit den verschiedenen Gemeinschaften gewinnen. Natürlich haben wir auch verdeckte Ermittler und so weiter. Aber unser wichtigstes Ziel in diesem Zusammenhang ist: der muslimischen Gemeinschaft einen erstklassigen Polizei-Service zu geben, damit sie uns als ihre Polizei schätzen.

Was heißt das?

Ich habe mehr als zehn Prozent der Londoner Polizeikräfte – 3500 Leute – so umverteilt, dass sie ihren Dienst ausschließlich in eng begrenzten Vierteln tun. In jedem kleinen Stadtbezirk laufen immer die gleichen sechs Leute Streife – und immer zu Fuß. Sie sind nicht direkt mir gegenüber verantwortlich, sondern gegenüber einer Gruppe von ausgewählten Bürgern aus dem Viertel. Dabei zeigt sich: Die Probleme, die sie anpacken, sind weniger Raub und Diebstahl, sondern zerstörte Bushaltestellen oder Spritzen und Kondome in den Treppenhäusern.

Ist das Modell erfolgreich?

Ja. Das Ergebnis ist, dass in den ersten sechs Monaten die Kriminalitätsrate um sieben Prozent gesunken ist, Raub und Gewalttaten eingeschlossen. Das ist das Modell der Zukunft – auch wenn man dafür an anderer Stelle einsparen muss. So ähnlich haben wir auch ein besseres Verhältnis zur afrikanisch-karibischen Gemeinschaft in London gefunden, in der es eine hohe Verbrechensrate im Zusammenhang mit Drogen gab. Das Verhältnis war lange sehr feindselig. Bis wir sagten: Sagt uns, was wir besser machen sollen. Wir trafen uns mit den Führungspersonen, darunter viele sehr radikale junge Menschen, und haben besprochen, wie wir besser zusammenarbeiten können.

Und?

Inzwischen lösen wir dort, wo wir vorher immer nur auf Mauern des Schweigens stießen, sieben von zehn drogenbezogenen Morden. So etwas Ähnliches haben wir für die muslimische Gemeinschaft noch vor uns. Das Problem ist: Es gibt dort noch keine festen Strukturen, auf die man bauen kann.

In Berlin häufen sich derzeit die Klagen über Jugendliche, oft arabischen Hintergrunds, die Gewalt und Angst auf die Straßen tragen. Das führt zu Reibungen zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Kennen Sie aus London Ähnliches?

Nein, das ist bei uns kein Thema. Ich denke, weil unsere Gesellschaft schon viel länger so vielfältig ist, haben die unterschiedlichen Gruppen ein entspannteres Verhältnis zueinander. Das ist auch eine Frage der Zeit.

Sie haben in Großbritannien das Instrument der „Anti-Social Behaviour Orders“, Erlasse, mit denen Regelverstöße verfolgt werden, indem den Tätern strenge Auflagen gemacht werden. Sind die erfolgreich?

Ja, sehr. Wir haben tausende dieser Erlasse, und die meisten davon werden befolgt. Das ist ein genau abgestimmtes System. Dazu gehören auch Verträge, die bei auffälligen Jugendlichen zwischen der Polizei und den Eltern abgeschlossen werden. Und es gibt Erlasse, die es jungen Leuten verbieten, sich zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten zu versammeln. All diese Maßnahmen kombiniert geben den Leuten ein größeres Gefühl der Sicherheit. Und wer sich nicht an die Vorgaben hält, wird zur Rechenschaft gezogen. Das funktioniert gut – auch wenn die Strafen noch unmittelbar folgen könnten.

Das Interview führten Lars von Törne und David Byers

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