Berlin : „Wir haben Berlin auf den Kopf gestellt“

Sie teilten Küche und Bad, Freundeskreis und politische Vision. Heute kämpfen der Linke Harald Wolf und der Grüne Volker Ratzmann politisch gegeneinander

-

Herr Ratzmann, sie haben Ende der 80er fast fünf Jahre mit Harald Wolf in einer Wohngemeinschaft gelebt. Wie hat er sich als Mitbewohner bewährt?

Ratzmann: Das ist eine delikate Frage.

Formulieren Sie es allgemein.

Ratzmann: Er war immer schon ein außenorientierter Mensch.

Das heißt, er entwickelte lieber politische Konzepte, als den Abwasch zu machen?

Ratzmann: Ich sollte allgemein formulieren.

Wolf: Jaja, das ist schon richtig. Ich war häufig unterwegs, gerade als 1989 die rot-grüne Koalition geschmiedet wurde. Da war ich nur schlecht in kontinuierliche Abläufe in der WG einzubinden.

Ratzmann: Wie in jeder linken Wohngemeinschaft damals hing über dem schmutzigen Geschirr das Schild: „Auch Du, Genosse, hältst die Küche sauber!“

Und wie war Herr Ratzmann als Mitbewohner, Herr Wolf?

Wolf: Er hat immer gerne gehandwerkelt. Wobei man sagen muss, manches Produkt war doch sehr provisorisch, Aber er war stets bemüht. Ich erinnere mich da an eine Badrenovierung…

Ratzmann: Irgendwer musste ja was tun, bevor das Ding zusammenfällt.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Ratzmann: Ich habe Anfang der 80er Haralds Bruder Udo und deren Cousine Elke Breitenbach beim Studium kennen gelernt. Mit Elke…

…die ja heute wie auch Udo Wolf für die PDS im Abgeordnetenhaus sitzt…

…war ich dann viele Jahre zusammen. Darüber lernte ich Harald kennen. 1986 bin ich, wie auch Harald, in die Alternative Liste eingetreten, aus der später die Grünen entstanden. 1988 zog ich in die WG von Harald und seinem Bruder Udo.

Wie sah Ihr gemeinsamer politischer Kampf damals aus?

Ratzmann: Wir haben viel zusammen gemacht, vor allem als 1988 der IWF-Weltbank-Kongress in der Stadt war. Da haben wir Berlin auf den Kopf gestellt.

Wie eng war Ihr gemeinsames Leben mit der Politik verknüpft?

Ratzmann: Die Gneisenaustraße 111 war ein Zentrum, ein Kampagnenbüro für linke Politik in der Stadt.

Da haben Sie dann beim Frühstück schon das erste Thesenpapier diskutiert?

Ratzmann: Wir haben immer diskutiert, und Harald hat es dann aufgeschrieben. Wir saßen immer um unseren großen Tisch im Gemeinschaftszimmer. Nach dem Mauerfall war das auch eine Anlaufstelle für viele Bürgerrechtler aus der DDR. Bärbel Bohley, Vera Lengsfeld und viele andere. Unsere Wohnung war ein Kristallisationspunkt für die linke Szene.

Wolf: Ja, das war eine sehr lebendige, spannende Zeit. 1989 die erste rot-grüne Regierung, die Mauer fiel – da überschlugen sich die politischen Ereignisse.

Ratzmann: Politik war unser Lebensmittelpunkt.

Vermissen Sie das manchmal?

Ratzmann: Politik hat nach wie vor eine große Bedeutung in meinem Leben. Damals gab es keine Trennung zwischen Privatem und Politik. Das prägt bis heute.

Sie teilten nicht nur politische Ziele, sondern auch den Freundeskreis – welche Nachwirkungen hat die Nähe, wenn man heute politisch gegeneinander kämpft?

Wolf: Wir können das trennen. Wir können politische Differenzen gut austragen. Das war auch damals schon so: Nur weil wir in einer Partei waren, waren wir noch lange nicht immer einer Meinung. Die Diskussionen, die wir in der Alternativen Liste hatten, waren manchmal heftiger, als die Debatten, die wir heute zwischen verschiedenen Parteien haben.

Welches waren die gemeinsamen politischen Träume, die Sie einst teilten?

Wolf: Wir wollten eine politikfähige Kraft links von der SPD dauerhaft etablieren. Deswegen bin ich Mitte der 80er bei der AL eingetreten. Und als sich 1990 die Situation mit der Wiedervereinigung grundlegend änderte, bin ich bei der AL wieder ausgetreten, weil ich fand, man kann die West-Grünen nicht einfach auf die DDR ausweiten.

Ratzmann: Mir ging es immer um Gerechtigkeit, eine gerechtere Welt. Das war ein Motiv, Rechtsanwalt zu werden.

Wolf: Aber die Gerechtigkeit ist doch ein Grundmotiv linker Politik, für das wir beide kämpften.

Ratzmann: Mach es dir nicht so einfach, Harald. Es geht auch um Freiheit. Darüber hatten wir auch früher schon viel Streit. Wenn ich mir angucke, mit wem ihr damals zusammengearbeitet habt, die alten SED-Kader in ihren Bundjacken und die Leute aus der SEW, die die DDR verteidigten... Mit diesen Leuten kann ich doch nicht für Grund- und Menschenrechte kämpfen. Eine freiheitlichere Rechts- und Innenpolitik, Integration, Toleranz, viele der Dinge, die heute Berlins Lebensqualität ausmachen, haben wir Grüne angestoßen. Darauf bin ich ein bisschen stolz.

Hätten Sie doch bei den Grünen bleiben sollen, um sich treu zu bleiben, Herr Wolf?

Wolf: Die historischen Verdienste der AL und der Grünen sind unbestritten. Aber bei der Frage, welchen Beitrag die PDS heute spielt, muss ich Dir widersprechen, Volker. Wir haben uns als Partei intensiv auseinandergesetzt mit den unterschiedlichen Milieus und Ideen, die es in dieser Partei gab und gibt. Wir haben dort den Kampf gegen stalinistische Positionen fortgesetzt – mit Erfolg. Die Politik in Berlin heute prägen neue Leute wie Stefan Liebich und Klaus Lederer. Und wir haben durch unsere Auseinandersetzung dazu beigetragen, dass Ost- und Westberlin zusammen gewachsen sind.

Ratzmann: Mit Verlaub: Davon ist an eurer Basis sehr wenig angekommen.

Wolf: Dieser Kurs bekam auf unseren Parteitagen immer klare Mehrheiten.

Herr Wolf, als Sie die WG vor mehr als 20 Jahren gründeten, war auch Michael Prütz dabei, damals AL-Wegbegleiter und heute als WASG-Aktivist einer der Gegner der rot-roten Landesregierung. Er hat ähnliche politische Wurzeln wie Sie beide, aber völlig andere Schlüsse daraus gezogen…

Wolf: Während Volker Ratzmann und ich zwei politische Stränge repräsentieren, die in Berlin relevant sind, sehe ich das bei der WASG nicht.

Herr Prütz beansprucht für sich, dem Traum von sozialer Gerechtigkeit mit der WASG am ehesten treu geblieben zu sein.

Ratzmann: Aber nur, weil er sich am wenigsten weiter entwickelt hat.

Wolf: Zu meinen Idealen gehört der Marx’sche Grundsatz, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie auch zu verändern. Michael Prütz ist mit der WASG bei der Interpretation stehen geblieben.

Ratzmann: Genau, Herr Arbeitssenator. Wobei ich mit Dir bei der Bewertung der Veränderung nicht übereinstimme, Harald.

Wolf: Natürlich, das ist immer so. Ich stimme ja auch nicht mit den Veränderungen überein, die die rot-grüne Bundesregierung vollzogen hat.

Falls es das Wahlergebnis am 17. September erfordert: Wäre Ihre gemeinsame Geschichte bei rot-rot-grünen Koalitionsverhandlungen hilfreich oder hinderlich?

Ratzmann: Wir sind professionell genug, um unsere Interessen so seriös und sachlich zu vertreten, dass man sich nicht persönlich verletzt.

Keine alten Wunden oder böse Gefühle?

Wolf: Überhaupt nicht. Obwohl ich manchmal schon denke: Jetzt könnte er sich mal zusammenreißen.

Ratzmann: Und ich denke manchmal, wenn ich mir deine Politik angucke: Mensch Harald, du müsstest es besser können.

Wolf: Jaja. Die Grünen sind für alles Gute in der Berliner Politik zuständig. Das soll auch so bleiben. Denn das können sie sich nur in der Opposition leisten.

Wir werden das wohl nicht abschließend klären. Alle weiteren Fragen können Sie dann ja bei den rot-rot-grünen Koalitionsverhandlungen besprechen…

Ratzmann: … es wird für Rot-Grün reichen. Das ist ganz klar die beliebteste Konstellation der Berliner Wähler.

Wolf: Das war sie auch 2001. Und was ist rausgekommen? Rot-Rot!

Das Gespräch moderierte Lars von Törne.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben