Berlin : „Wir haben das Wissen, wir haben das Geld, wir brauchen den Willen“

Bono engagiert sich gegen Aids: Seine Dinner-Rede in Berlin

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Guten Abend, ich heiße Bono, ich bin ein Rockstar aus Dublin. Ich glaube nicht, dass meine Band U2 schon einmal vor dem Fisch aufgetreten ist – na wenigstens gibt es heute Lachs. Es gibt eine ganze Reihe Künstler, denen ich danken möchte, unter all den Businessmenschen hier. Ich bin stolz, dass Herbert Grönemeyer hier ist. Er ist ein großer, großer Dichter und ein Repräsentant eines anderen Deutschlands, eines wichtigen Deutschlands, und ein ganz besonderer Mensch. Ich möchte Herbert Grönemeyer danken. Und Anton Corbijn, einem der größten Fotografen der Welt. Rockstars verbringen eher selten Zeit mit Leuten, die größer sind als sie. Aber er ist hier.

Es ist wichtig, dass heute einige Künstler dabei sind. Deshalb bin ich hier. Ich möchte Botschafter Holbrooke danken, der der eigentliche Grund ist, warum ich hier bin.

Wie so viele Menschen aus anderen Ländern kam ich zum ersten Mal hierher, als die Mauer fiel. Ich blieb eine Weile. Unsere Band U2 nahm eine Platte auf, kaum 300 Meter von hier, vom Potsdamer Platz, entfernt, in den HansaStudios, direkt im Schatten der Mauer. Der ganze Kontinent war natürlich im Schatten der Mauer, und wir waren hier, genau neben ihr, als sie zusammenfiel. Wir kamen hier mit dem letzten Flug in die alte, geteilte Stadt an. Wir kamen in unserer Wohnung an und wollten bei der großen Party mitmachen. Die Leute sahen müde aus, erschöpft, und ich habe mich gewundert, was hier los ist – sind die Leute müde vom Tanzen auf der Mauer? Ich hatte keine Ahnung, was los war. Ich hatte von den Bierfesten der Stadt gehört, von ihrer Boheme. Aber wir waren in die falsche Party geraten: Wir hatten die einzige Gruppe gefunden, die gegen den Fall der Mauer protestierte. Ein sehr komischer Moment. Ich hatte das Gefühl, auf der falschen Seite der Geschichte gelandet zu sein. Ich möchte das lieber beichten, bevor mich jemand auf den Bildern von damals erkennt.

Heute Abend möchte ich darüber reden, wie man auf die richtige Seite der Geschichte kommt. Nicht nur ich, sondern wir alle. Denn die unsichtbare Hand der Geschichte nimmt Notiz von dem, was wir reden. Wenn Sie geglaubt haben, dass dieses Abendessen geheim bleibt, haben sie sich getäuscht. Es ist hier wie bei einem dieser Rockjournalisten, die einen bis aufs Herrenklo verfolgen und lauter unangenehme, aber wichtige Fragen stellen. Jede Epoche hat einen Kampf, der sie definiert. Der letzte wurde hier in Berlin gekämpft und gewonnen, der gegen Faschismus und Sowjetismus. Mutigere Menschen als ich haben den gewonnen. Aber unsere Generation hat ihren eigenen Kampf zu kämpfen, jenen, der unsere Generation definiert: Es ist der gegen Aids und die brutale Armut, die die Seuche beschleunigt. Das ist unser Kampf. Denn eines sollte uns, die wir hier sitzen, klar sein: Nicht dass wir die Krankheit besiegt haben, oder dass wir kurz vor dem Sieg stehen würden, sondern dass wir sie besiegen können. Wir sind die erste Generation, die nicht nur Aids stoppen kann, sondern auch jene dumme Armut, durch die ein Kind sterben muss, weil das Geld für die Impfung fehlt. Deshalb nenne ich sie dumme Armut.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben wir das Wissen, das Geld und die Medikamente. Wir brauchen jetzt den Willen. Ja, ich bin ein Rockstar, aber ich bin kein Träumer. Ich bin nicht in den 60ern aufgewachsen, mit Blumen im Haar, sondern im deprimierenden Dublin der 70er. Meine Wurzeln sind der Punkrock.

Auch wenn auf den ersten Blick einiges dagegen spricht: Wir haben zum ersten Mal eine Chance – eine historische Chance. Und ich sage das, weil ich weiß, was Aids Menschen in Afrika antut. Ich habe in Meetings mit südafrikanischen Aids-Aktivisten gesessen, während sie durch die Listen gingen und entscheiden mussten, wer leben darf und wer sterben muss. Wer die Aids-Medikamente bekommt, von denen es nur einen geringen Vorrat gibt, und wer nicht. Ich habe sie dabei beobachtet, es ist eine der außergewöhnlichsten Entscheidungen zu sagen, wer lebt und wer stirbt. Diese Macht sollte kein Mensch besitzen.

Doch die Tatsache ist: Niemand muss diese Entscheidung treffen, wenn wir damit Schluss machen. Wenn wir auf Afrika schauen und auf uns und entscheiden: Es reicht! Niemand in Afrika wird mehr sterben, weil das Geld für die Medikamente fehlt.

Gähn, wieder ein reicher Rockstar, der um Geld bittet. Ich weiß, dass viele reiche Nationen sparen müssen. Hans Eichel arbeitet hart für Deutschland. Gerhard Schröder arbeitet hart für Deutschland. Aber wenn sich jeden Tag 9500 Menschen anstecken und 6500 jeden Tag – allein in Afrika – an Aids sterben, dann ist Führung gefragt. Frankreich hat seinen Beitrag zum Global Fund verdreifacht. Deutschland muss mindestens das Gleiche leisten, wie auch Großbritannien.

Mr. Schröder, Sie sind ein fähiger Mann, den ich bewundere. Ihr Land hat viele Traumata erlebt, sogar in der jüngsten Vergangenheit. Es ist ein Land, das ich liebe, voll von klugen, hart arbeitenden Menschen, mit einem ausgezeichneten Musikgeschmack. Mr. Schröder, ich bin ein Rockstar, es ist meine Aufgabe, Ihnen auf den Geist zu gehen. Die Geschichte würde Ihnen viel mehr auf den Geist gehen, wenn wir diese Chance nicht nutzen.

Mit einem halben Prozent unseres Bruttosozialprodukts, ein halbes Prozent von allen reichen Nationen, können wir den Tod von Hunderttausenden, ja, Millionen von Menschen verhindern, die sterben, weil nicht genügend Medikamente vorhanden sind. Hier sind heute Abend ja viele Businessleute: Ist das nicht ein toller Deal?

Vor 60 Jahren stand ein anderer Kontinent vor dem Untergang: unser Europa. Dass wir heute hier sind, haben wir zum Teil dem Marshall-Plan zu verdanken. Die USA stellten ein Prozent ihres Bruttosozialprodukts zur Verfügung, um einen zerstörten Kontinent aufzurichten. Das war gut für Europa. Aber auch gut für Amerika. Niemand sagt, dass Afrika heute so ist wie das Nachkriegseuropa. Aber was wir brauchen, ist derselbe Mut, dieselbe Fantasie und das Bekenntnis eines modernen Marshall-Plans. Das war ein großartiger Plan.

Eine Sache zum Abschluss: Vor zwölf Jahren, als die Mauer fiel, habe ich in Berlin einen Song geschrieben: Es ist ein Song, der mir in schweren Zeiten sehr nah ist: „Wir sind eins, aber wir sind nicht gleich …, gemeinsam können wir viel erreichen“ (We’re one, but we’re not the same … we get to carry each other“). „To carry each other“, das ist keine Last, das ist ein Privileg. Vielen Dank fürs Zuhören.

(Übersetzt von Moritz Schuller)

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