Berlin : „Wir haben keine andere Wahl“

Religionsstunden streichen, Schulen schließen, Entlassungen: Das Erzbistum Berlin muss weitere sieben Millionen Euro einsparen

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Aufregung um die Zukunft des Religionsunterrichts, ein Beschwerdebrief von Pfarrern nach Rom, schlechte Stimmung in den Gemeinden – die Finanzkrise des Berliner Erzbistums beunruhigt die katholische Kirche in Deutschland. Am heutigen Mittwoch treffen Kardinal Sterzinsky und alle Berliner Priester zu einer zweitägigen Klausurtagung am Wannsee zusammen. Dort wollen sie offen über die entstandene Vertrauenskrise sprechen. Der Generalvikar des Berliner Erzbistums, Peter Wehr, zieht eine erste Bilanz der finanziellen Sanierung. Mit ihm sprach Martin Gehlen.

Wo steht das Erzbistum Berlin heute?

Wir liegen mit dem Sanierungsprozess, der für einen Zeitraum von drei Jahren angelegt ist, gut im Plan. Wir müssen insgesamt etwa 420 Vollzeitstellen abbauen, in diesem Jahr rund 150. Bis Ende November haben wir uns von etwa 120 Mitarbeitern getrennt.

Sie müssen 2003 also noch 30 Leute entlassen?

Die meisten Stellen wurden bisher im Ordinariat abgebaut. Die Arbeitsplätze in den Gemeinden werden erst gestrichen, wenn die Gemeindefusion abgeschlossen ist.

Die Fusion der Gemeinden verzögert sich?

Nein, auch hier liegen wir im Plan. Von den 207 Gemeinden müssen wir auf 107 Gemeinden reduzieren. Heute stehen wir bei 159 Gemeinden.

Wann sollen alle Gemeinden fusioniert sein?

Grundsätzlich bis Mitte 2004. Bei den Fusionen ist ungefähr die Hälfte umgesetzt. Natürlich gibt es Gemeinden, die sich gegen eine Fusion wehren. Und es gibt aus der Perspektive dieser Gemeinden sicherlich Gründe, für die man im einzelnen Verständnis aufbringen kann, aber im Ganzen haben wir keine andere Wahl. Wir müssen fusionieren.

Wenn nun eine Gemeinde partout nicht will?

Ich kann nur wiederholen, wir haben keine andere Wahl.

Kommt das Erzbistum 2003 mit dem Geld aus?

Anders als erwartet, waren die Kirchensteuern im Jahr 2003 rückläufig. Wie die Bilanz am Ende des Jahres aussieht, hängt von den Einnahmen im November und Dezember ab. Vorsorglich haben wir jedoch einen Nachtragshaushalt auf den Weg gebracht.

Wer soll die neue Lücke schließen? Die anderen Bistümer?

Jetzt sind wir selbst in der Pflicht. Die anderen Bistümer haben schon das Ihrige getan, uns zu helfen.

Eine vorgezogene Steuerreform würde 2004 einen weiteren Rückgang der Einnahmen bedeuten. Wie viele Millionen fehlen dann?

Wir wussten beim Ausarbeiten des Sanierungsplanes, dass wir mit Risiken rechnen müssen. Jetzt gehen wir von einem Einnahmerückgang von sieben Millionen Euro aus.

Wie wollen Sie den ausgleichen?

Die strukturellen Maßnahmen und die Entschuldung werden zu einem Teil bereits 2004 wirksam. Darüber hinaus denken wir über weitere Einsparpotenziale nach. Entsprechende Arbeitsaufträge sind an die einzelnen Dezernate ergangen.

Sie wollen bei der Caritas eine Million, beim Religionsunterricht eine Million und bei der Katholischen Akademie 600000 Euro kürzen. Dann fehlen aber immer noch rund 4,5 Millionen. Wer soll die einsparen?

Wir wissen im Ergebnis, was wir sparen müssen, und wir wissen, dass alles auf den Prüfstand gestellt werden muss. Jeder ist in dieser Phase gefordert. Erste Ansatzpunkte haben wir identifiziert, weitere folgen.

Werden die Gemeinden, die bislang die Hauptlast der Sanierung getragen haben, noch ein zweites Mal zur Kasse gebeten?

Ich will das ausschließen.

Wo soll das Geld dann herkommen?

Ich denke, mit den Sanierungsmaßnahmen wird der Konsolidierungsprozess gelingen. Es gibt keine Alternative: Wir müssen das Bistum sanieren, um auch in Zukunft unsere Aufgaben wahrnehmen zu können.

Also müssen Sie im nächsten Jahr ein Drittel der Lehrer entlassen und den vor dem Bundesverfassungsgericht erstrittenen Religionsunterricht in Brandenburg streichen?

Religionsunterricht ist wichtig, aber wir müssen auch hier die Einsparpotenziale prüfen.

Sie könnten katholische Schulen schließen?

Daran ist nicht gedacht. Aber ausschließen kann ich es auch nicht.

Von wo sollen also die vielen zusätzlichen Millionen im nächsten Jahr herkommen?

Durch die konsequente Umsetzung des Sanierungsplanes und der Ausschöpfung von Einsparpotenzialen.

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